. Jasch Zacharias

Grafik: Bauherren-Schutzbung

Zahl der Bauschäden hat sich verdoppelt

Ursachen für Pfusch sind vor allem Fachkräftemangel und Termindruck

DBU/Berlin – Termindruck, Fachkräftemangel und übertriebene Sparsamkeit haben auf Deutschlands Baustellen zum Teil verheerende Folgen. Einhergehend mit dem Bauboom beklagen Bauherren und Versicherungen immer mehr teure Bauschäden. Im Kampf gegen den Pfusch will Handwerkspräsident Hans-Peter Wollseifer die Meisterpflicht zurück. Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe macht für die negative Entwicklung sowohl unqualifizierte Baubetriebe als auch Auftraggeber und Politik verantwortlich.

Der Bauboom in Deutschland hat auch seine Schattenseite: Den Pfusch. Die neueste Studie des Bauherren-Schutzbundes belegt, dass sich die Zahl der versicherungsrelevanten Bauschäden in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt hat. Häufigste Mängel sind Feuchtigkeit, Risse in Decken, Wänden und Fußböden, falsche Abdichtung, Maßfehler, Pfusch bei der Haustechnik, sowie die insgesamt bei der Abnahme festgestellte „unsachgemäße Ausführung“. Und das schlägt gewaltig auf die Kosten. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre stieg die Summe je Bauschaden eklatant – um etwa 89 Prozent Prozent von durchschnittlich 49.000 Euro auf 84.000 Euro .

Schon kleine Patzer auf der Baustelle haben teure Folgen
Das liegt nicht nur an der gestiegenen Zahl der Aufträge sowie dem enormen Termindruck für die Unternehmen. Sondern auch an immer mehr schlecht ausgebildeten Arbeitskräften, die aufgrund des Fachkräftemangels auf der Baustelle beschäftigt sind. Gleichzeitig wird das Bauen immer komplizierter. Höhere gesetzliche Anforderungen und Auflagen, neue Baumaterialien und komplexere Bauteile sorgen bei den Beschäftigten für mehr Stress. Schon kleine Patzer eines einzelnen Bauarbeiters können teure Bauschäden zur Folge haben. Spätestens ein Sachverständiger präsentiert dann bei einer Qualitätskontrolle oder einer Bauabnahme die Mängelliste: Energetische Dämmung, die zwar Heizkosten spart, aber schimmelnde Wände verursacht zum Beispiel. Falsch eingesetzte Fenster und sogar verkehrt herum eingebaute Wendeltreppen, wie sie das Nachrichtenmagazin „Focus“ in einem Video dokumentiert hat, werden da beispielsweise aufgeführt.

Auf den Baustellen tummeln sich viele unqualifizierte Betriebe
Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) ist angesichts der stark gestiegenen Bauschäden alarmiert. „Geiz beim Bauen ist nicht geil, sondern führt zu Frust auf beiden Seiten“, warnen die Interessensvertreter der Baubranche nicht erst seit gestern. Laut Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa tummeln sich inzwischen viel zu viele unqualifizierte Betriebe auf dem Markt, die von Auftraggebern angeheuert werden, um Geld zu sparen. Dazu zählten auch auch viele Handwerker, die keine Meisterprüfung hätten sowie Subunternehmerketten mit qualitativ überforderten Hilfskräften.

Für Felix Pakleppa hat auch die Politik Schuld an dem Pfusch-Dilemma. „In Deutschland haben wir mehr als 15 Jahre unsere Infrastruktur, aber auch den Wohnungsbau sträflich vernachlässigt“, so der Verbands-Hauptgeschäftsführer. Nun solle plötzlich alles ganz schnell gehen. Doch der Arbeitsmarkt hält da nicht mit.

Auch Ingenieurbüros brauchen Planungssicherheit
Wie Hans-Ullrich Kammeyer, Präsident der Bundersingenieurkammer der Süddeutschen Zeitung sagte, lastet auf den viel zu wenigen Ingenieuren im Land ein enormer Termindruck: „Jahrelang waren Ingenieurbüros nicht ausgelastet und mussten daher Kapazitäten abbauen. Heute stoßen sie im Boom an ihre Grenzen.“ Es bedürfe einiger Jahre bis von den Hochschulen Tausende fehlende Ingenieure nachrücken könnten. Allerdings bräuchten die Unternehmen auch Planungssicherheit. Damit nach dem Abbau des Investitionsstaus öffentlicher Aufträge nicht plötzlich wieder ein Überschuss an Bauspezialisten vorhanden ist. Die würden dann auf der Straße stehen.

Dass gut Ding Weile haben will, gilt aber nicht nur für studierte Techniker, sondern auch für Handwerker. Um dem Pfusch in der Branche wirksam zu bekämpfen, will Hans-Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in bisher zulassungsfreien Gewerken wieder die Meisterpflicht einführen. Diese war im Jahr 2004 in mehr als 50 Berufen weggefallen. Maurer, Betonbauer, Zimmerer und Dachdecker benötigen die Prüfung bis heute, während Fliesenleger, Gebäudereiniger oder Raumausstatter sie nicht mehr nachweisen müssen.

„Wir können nicht jeden wild drauflos arbeiten lassen“
„Wir können nicht jeden wild drauflos arbeiten lassen“, sagte Wollseifer im Januar der Deutschen Presse-Agentur. Ein vom Handwerksverband in Auftrag gegebenes Gutachten erbringe den Nachweis, dass die Rückkehr zur Meisterpflicht grundsätzlich verfassungs- und europarechtlich möglich sei, zitiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Handwerkspräsident. Zuvor hatte sich bereits Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) dem Handwerk zur Seite stehend für eine Wiedereinführung der Meisterpflicht eingesetzt.

Kritiker bezweifeln positiven Effekt des Meisterbriefs
Ob damit jedoch der Fachkräftemangel auf dem Bau abgebaut werden kann, bezweifeln sowohl viele Verfechter eines freizügigen EU-Binnenmarktes wie auch die im Berufsverband unabhängiger Handwerker organisierten Selbstständigen ohne Meisterbrief. Unter anderem verhindere man mit der Meisterpflicht, dass auf dem Bau mehr dringend benötigte Handwerker ausgebildet werden. Zudem sei ein Meisterbrief keine Garantie für qualitativ hochwertige Arbeit auf dem neuesten Stand, sagen diese. Die Meisterpflicht war in Folge der Schröderschen „Agenda 2010“ abgeschafft worden, um der damals hohen Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken.

. Jasch Zacharias

Erschienen in Ausgabe: Seite 3| Februar 2019

Zurück