von Christian Schönberg
Wohnungsbaukrise steckte 2025 in weiter sinkender Fertigstellungszahl fest
Verbände schließen sich mit gemeinsamem Appell gegen die offenbar nicht fruchtende Baupolitik zusammen
Fehlender Wohnraum ist die soziale Krise unserer Zeit. Zu diesem Fazit gelangt Dr. Matthias Frederichs. Der Geschäftsführer des Bundesverbands Baustoffe, Steine und Erden (BBS) sieht in den jüngst veröffentlichten, ernüchternden Zahlen des Statistikamtes den Verlust wirtschaftlicher Kapazitäten: "Die Zahlen zur Wohnungsfertigstellung 2025 zeigen, dass jährlich mindestens 100.000 Wohneinheiten zu wenig gebaut werden", so Frederichs. "Die bisherigen baupolitischen Maßnahmen sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es braucht dringend einen baupolitischen Befreiungsschlag", bilanziert er.
Die Bundesdatenbehörde hatte Ende Mai die Zahl der 2025 fertiggestellten neuen Wohnungen bekannt gegeben. Sie lag bei 206.600 - und damit deutlich unter der seit Jahren verfolgten, aber nie erreichten Zielmarke von 400.000 Wohnungen. Doch nicht nur das: Es war auch deutlich weniger als 2024, als bereits schon die Fertigstellungszahlen des Vorjahres unterschritten wurden.
18 Prozent weniger Wohnungen fertiggestellt als 2024
Im Vergleich zum Vorjahr sind 2025 18 Prozent oder 45.400 Wohnungen weniger fertiggestellt worden. 2024 lag das Minus im Vergleich zu 2023 bereits bei 14,4 Prozent. 2021 bis 2023 hatte die Zahl fertiger Wohnungen noch bei rund 294.000 gelegen. Statt sich der oben genannten Zielmarke zu nähern, entfernt sich das Land also immer weiter davon.
Die Verbände fordern angesichts der schlechten Zahlen einen Bau-Turbo II. Das haben sie in einem Appell von 22. Mai deutlich gemacht. Unterzeichner sind neben dem BBS unter anderem auch die Bauindustrie (HDB), der Architekten-Bund BDA, der Verband "Die Immobilienunternehmer" und der Bund Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure (BDB).
Insbesondere in Ballungszentren bleibt der Neubau hinter Bedarf zurück
Darin heißt es, die aktuellen Fertigstellungszahlen unterstreichen eindrücklich, dass der Neubau weiterhin deutlich hinter dem Bedarf zurückbleibt. Das gelte insbesondere in den Ballungszentren. Die bisherigen Maßnahmen der vorherigen und auch der jetzigen Bundesregierung tragen nicht zur Wiederbelebung des Wohnungsbaus bei, so die Kritik: "Ohne ein schnelles und entschiedenes Gegensteuern drohen weitere Rückgänge in den kommenden Jahren - mit erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Folgen", heißt es in dem Appell.
Gefordert wird unter anderem ein neuer gesellschaftlicher Konsens über die wirtschaftliche, gesellschaftliche und auch politische Bedeutung des Wohnungsbaus. Er dürfe nicht an Einzelinteressen scheitern. Bauen ist demnach für den Zusammenhalt in diesem Land notwendig. "Hierfür ist ein 'überragendes öffentliches Interesse' im Baugesetzbuch für angespannte Wohnungsmärkte zu definieren, um insbesondere die Kommunen vor Ort bei der Ausweisung von Bauland beziehungsweise in der Umsetzung zu unterstützen", heißt es in dem Appell. Neben dem klassischen Neubau müssen zudem Aufstockung, Nachverdichtung und die Umnutzung leerstehender Büro- und Gewerbeflächen zu Wohnraum deutlich erleichtert und gezielt gefördert werden.
Verlässliche Förderpolitik fehlt
Insgesamt fehle eine verlässliche Förderpolitik: Förderprogramme müssen dort ansetzen, wo Marktpreise und Baukosten dauerhaft auseinanderfallen. Notwendig seien langfristig angelegte, auskömmlich finanzierte und planungssichere Programme, insbesondere für den bezahlbaren Wohnungsneubau. Hierfür muss die neue Förderprogrammlandschaft der KfW bereits Mitte des laufenden Jahres und nicht erst 2027 Schritt für Schritt eingeführt werden.
Auch die derzeitigen steuerlichen Rahmenbedingungen werden, als unzureichend eingeschätzt. Der Koalitionsvertrag sieht vor, steuerliche Maßnahmen etwa zur Neubauförderung zu verbessern. "Diese fordern wir nun ein, da viele Projekte aktuell an der wirtschaftlichen Tragfähigkeit scheitern", heißt es im Appell. Kurzfristig müssten Abschreibungsinstrumente, einschließlich einer praktikablen Sonderabschreibung (Sonder-AfA) für Neubauten im EH-55-Standard durch Verzicht auf die Voraussetzung des EH40-Standards und gleichzeitiger signifikanter Erhöhung des AfA-Satzes, wirksam werden. Die aktuelle Ausgestaltung der Zinsschranke müsste in Angriff genommen und eine stärkere Investitionsorientierung im Steuerrecht insgesamt eingeführt werden. Insbesondere die Grunderwerbsteuer stellt nach Ansicht der Unterzeichner in ihrer heutigen Ausgestaltung ein zentrales Hemmnis für den Wohnungsneubau dar.
Hohe Zinsen erschweren immer noch den Neubau von Wohnungen
Die Sicherstellung der stabilen Finanzierung von Bauprojekten sei überdies geboten. Steigende Zinsen, hohe Eigenkapitalanforderungen und regulatorische Vorgaben erschweren den Neubau. Eigenkapitalentlastende Instrumente, Garantien und Förderdarlehen sowie ein "maßvoll ausgestaltetes regulatorischen Umfeld, das Finanzierungen von Neubauprojekten nicht zusätzlich hemmt" könnten dem entgegensteuern.
Als zentraler Kostentreiber wird die wachsende Komplexität des Bau- und Planungsrechts angesehen. Erforderlich sei daher, ein bundeseinheitlicher, klar strukturierter Rahmen für den Wohnungsbau mit einem praxistauglichen Referenzniveau als Alternative zu einem neuen Vertragswerk „Gebäudetyp E“. Es könne den Bauherren Rechtssicherheit bieten, gutes Wohnen insgesamt ermöglichen und die Planungsverantwortung der Architekten und Ingenieure stärken.
Mietrechtliche Rahmenbedingungen dürfen nicht aufgeweicht werden
Für den Wohnungsneubau sei darüber hinaus ein verlässliches Investitionsklima entscheidend: "Wiederholte Eingriffe in mietrechtliche Rahmenbedingungen sowie politische Unsicherheiten wirken investitionshemmend und gefährden dringend benötigte Neubauinvestitionen", heißt es im Appell. Bund und Länder müssten klare rechtliche Stabilität und Planungssicherheit gewährleisten sowie Investitionssicherheit und Eigentumsschutz politisch verlässlich gewährleistet sein.
Die Forderungen sind auch erhoben worden, nachdem sich Mitte Mai eine Trendwende bei der Zahl der Fertigstellungen abzeichnete. So hatte das Statistikamt mitgeteilt, dass von Januar bis März dieses Jahres 63 500 Wohnungen neu gebaut worden sind. Das waren wiederum 8.100 beziehungsweise 14 Prozent mehr als in den ersten drei Monaten 2025. Ob sich dieser Trend aber tatsächlich verstetigen kann, muss sich noch zeigen.
Foto: Pixabay/staplerworldtv2
von Christian Schönberg