von Jasch Zacharias
"Wir müssen unsere Vorzüge besser erzählen“
Neue Studie: 74 Prozent der Deutschen schreckt Unfallrisiko bei Bauberufen ab – Der Bauindustrie-Präsident will nun das Branchenimage aufwerten
Das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) hat im Auftrag des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie (HDB) eine neue Studie über das Image der Bauwirtschaft veröffentlicht. Sie stützt sich auf 1.057 Interviews mit einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung in Deutschland ab 16 Jahren. Bauindustrie-Präsident Olaf Demuth hat mit unserer Zeitung über einige überraschende Ergebnisse der Umfrage und seine Erkenntnisse daraus gesprochen.
Herr Demuth, in der Allensbach-Studie zum Image der Bauwirtschaft kommt die Branche als sicherer und attraktiver Arbeitgeber mit viel Potenzial ganz gut weg. Allerdings schreckt ein stark ausgeprägter Eindruck von harter körperlicher Arbeit viele Befragte ab. Haben Sie Verständnis für eine solche Einstellung?
Olaf Demuth: Da müssen wir uns ehrlich machen: flexible Arbeitszeitmodelle, industrielle Vorproduktion oder Drohnen, KI-Anwendungen, digitale Planungsmodelle – am Ende steht da ein Mensch auf der Baustelle und baut. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ich nehme die Ergebnisse der Studie als Hausaufgabe für die Branche mit. Wir müssen junge Menschen von unserer Branche immer wieder begeistern – klarmachen, wie sinnvoll sie ist, wertvoll, nachhaltig. Ich selbst bin Ingenieur und fahre an jedem „meiner“ Bauwerke mit Stolz und Zufriedenheit vorbei. Diese Begeisterung, diese Faszination müssen wir rüberbringen. Die anderen Argumente, gute Bezahlung, Digitalisierung, technische Herausforderungen – ja, die kommen dann oben drauf dazu. Wir vom Bau bauen Dinge, die bleiben. Sie stehen auch in 100 Jahren noch. Bauen ist ein Naturinstinkt, das müssen wir stärker vermitteln. Hier ist jedes Bauunternehmen gefragt.
Haben es junge Menschen heute zu leicht im Leben, um einen Bauberuf zu wählen?
Nein, das glaube ich nicht. Ich habe sehr viel Vertrauen in junge Menschen, die wie jede Generation auch ihre Kämpfe zu führen haben. Die Studie zeigt, dass wir noch immer mit großen Vorurteilen zu kämpfen haben: da müssen wir ran. Und ja, die Social-Media-Welt verspricht dem Nachwuchs vielleicht teilweise ein süßes Leben – aber ich bin selbst Vater dreier Kinder und kann sagen: Irgendwann klopft die Realität an die Tür, und genau dann müssen wir paratstehen und von unserer Branche überzeugen. Vielleicht durch viel mehr Praxiserfahrungen, vielleicht müssen wir auch verstärkt die Elterngeneration in den Blick nehmen. Fest steht: wer sich für den Bau entscheidet, entscheidet sich für eine sichere, sinnhafte, abwechslungsreiche Branche.
Was ist ihrer Expertise nach die Ursache dafür, dass bei 74 Prozent der Befragten die Sorge vor einem hohen Unfallrisiko dominiert, wenn sie an Arbeit für die Bauwirtschaft denken?
Man kann nicht die Augen davor verschließen, dass Arbeit auf dem Bau viel Eigenständigkeit und Aufmerksamkeit in ständig wechselnder Arbeitsumgebung bedeutet. Ob in der Höhe, in der Tiefe oder im Umgang mit Bauteilen, Maschinen und Baustoffen – die Einhaltung aller Arbeitsschutzregeln minimiert das Unfallrisiko. Und auf diese Einhaltung legen und müssen wir großen Wert legen. Gute Arbeitgeber wachen daher scharf über die Gesundheit ihrer Beschäftigten, denn sie ist die Grundlage unseres Erfolgs. Wir arbeiten konsequent an einer Verbesserung von Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Dann bleibt von der Sorge vor Unfällen im besten Fall ein gesunder Respekt vor dem eigenen Einsatzgebiet übrig.
Babyboomer kritisieren mitunter, jüngere Menschen verausgaben sich heute lieber im Fitnessstudio als bei der Arbeit. Sehen Sie das auch so?
Ich halte nichts davon, alle, die zu einer bestimmten Generationen gehören, über einen Kamm zu scheren. Es gab und gibt immer solche, die machen den Job zu 150 Prozent und solche, bei denen es andersherum ist. Und natürlich alles dazwischen. Mein Job ist es, jeden zu motivieren, sein Optimum hervorzubringen oder auch Konsequenzen zu ziehen, wenn das nicht klappt. Wenn die Leute sich nebenbei noch fit halten – umso besser.
Auch das Vorurteil von zu geringen Verdienstmöglichkeiten hält sich laut Studie bei vielen hartnäckig. Wie können Bauunternehmen daran etwas ändern?
Dieses Ergebnis hat mich gewundert, wir pflegen seit Jahrzehnten eine sehr gute und verlässliche Sozialpartnerschaft mit dem Baugewerbe und der Bau-Gewerkschaft IG Bau – wir haben als erste Branche überhaupt einen Mindestlohn eingeführt, Wegezeitenentschädigungen, besonders unsere Azubi-Gehälter schneiden im Vergleich immer ganz weit oben ab – ich kann mich da nur wiederholen: Wir müssen unsere Vorzüge offenbar besser erzählen.
Die Bauwirtschaft ist mehr denn je von der Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland angewiesen. Was können Bauunternehmen besser machen, um die in der Studie ebenfalls von Befragten angegebenen Berührungsängste mit ihnen abzubauen?
Ich glaube, da spiegelt sich in unserer Branche eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung wider. Aber klar ist auch: Wir brauchen Fachkräfte aus dem Ausland – und zwar dringend. Entscheidend ist deshalb, dass Integration nicht dem Zufall überlassen wird. Bauunternehmen können sehr viel tun: gute Einarbeitung, feste Ansprechpartner im Betrieb, Sprachförderung, Unterstützung bei Behördengängen oder Wohnungssuche, gemischte Teams auf der Baustelle. Wichtig ist vor allem: Begegnung schafft Vertrauen. Wenn Menschen miteinander arbeiten, Verantwortung teilen und sehen, dass jeder seinen Beitrag leistet, bauen sich Vorbehalte sehr schnell ab. Voraussetzung ist der Wille auf beiden Seiten. Und wer nach Deutschland kommt, um hier zu arbeiten und Teil eines Teams zu werden, verdient ein faires Angebot – und klare Erwartungen. Integration ist keine Einbahnstraße, sie ist eine Führungsaufgabe.
Laut Studie gibt es bei unter 45-Jährigen noch deutlich mehr Potenzial für eine Arbeit im handwerklich-gewerblichen Bereich als bislang ausgeschöpft wird. Was tut die Bauindustrie dafür, mehr Männer und insbesondere auch Frauen zu gewinnen?
Wir arbeiten dran. Denn: Wir können es uns nicht leisten, auf die Hälfte des Fachkräftepotenzials, auf die Perspektiven und die Diversität für unsere Bauteams zu verzichten. Wir haben aus diesem Grund vor vier Jahren unser Frauennetzwerk Bau gegründet, unter der Schirmherrschaft der Bundesbauministerin. Rund 1.000 Frauen engagieren sich – eine Erfolgsstory, da sind wir in der Branche Vorreiter. Wir wollen mit dem Netzwerk Role-Models sichtbar machen, also Frauen mit Vorbildfunktion, die von ihren Tätigkeiten und ihrem Werdegang berichten. Dafür braucht es ein Netzwerk, mit dessen Hilfe die Frauen, die in der gesamten Wertschöpfungskette Bau tätig sind, Ansprechpartnerinnen finden, die sie beim Einstieg sowie Aufstieg in der Branche unterstützen. Im besten Fall verhindern wir dadurch auch, dass Frauen irgendwann aus der Branche aussteigen. Das Netzwerk ist damit ein Weg, um gegen den Fachkräftemangel zu kämpfen, der uns als Branche vor große Herausforderungen stellt.
Hat der verstärkte Einsatz von KI und Robotern eher einen positiven oder negativen Einfluss auf das künftige Image der Branche?
Keine KI baut ein ganzes Haus, geschweige denn ein komplexes Bauprojekt. Was wir sehen, ist die Möglichkeit mit Robotik, sich wiederholende und körperlich belastende Arbeiten an technische Unterstützungssysteme abzugeben. Das entlastet die Arbeiter auf der Baustelle und kann uns als Firmen dort Personaldruck nehmen, wo keiner arbeiten will. Daher ist das eine wirklich gute Entwicklung, zumindest dort, wo es sich im Maßstab rechnet. KI hilft währenddessen, Prozesse auf der Baustelle transparenter und steuerbarer zumachen. Berufe verschwinden dadurch aber nicht, sondern es werden sich Tätigkeitsprofile ändern, etwa stärker in die Anwendung und Bedienung von Geräten, Maschinen und Anlagen oder den Einsatz in der Vorfertigung. Die beruflichen Kernkompetenzen werden dabei aber erhalten bleiben.
Vielen Dank fürs das Interview, Herr Demuth.
Bild: Olaf Demuth ist am „Tag der Bauindustrie 2026“ im Mai einstimmig zum neuen Präsidenten des HDB gewählt worden. Der gelernte Bauingenieur ist 63 Jahre alt, Vorstandsmitglied der Zech Group, Vater von drei Kindern und wohnt in Hamburg.
(Foto: HDB/ Maren Strehlau)
von Jasch Zacharias