von Jasch Zacharias

"Von einem Ende der Talsohle kann nicht die Rede sein"

Preisschock und langes Warten auf Reformen und verbesserte Rahmenbedingungen verunsichern Unternehmen

Die Bauwirtschaft in Deutschland tritt auf der Stelle. Nach einer zaghaften Erholung der Konjunktur erstickt nun  ein durch die aktuellen geopolitischen Krisen ausgelöster Preisschock bei Energie und Baumaterial den Aufschwung.  Ebenso verunsichern  die Zerstrittenheit der Bundesregierung sowie der Reformstau sowie das lange Warten auf  das durch Nachhaltigkeitsauflagen zu verwässern drohende Infrastruktur-Zukunftsgesetz, sowie einen rechtssicheren Gebäudetyp "E" die Bauunternehmen.

Drei Viertel der Betriebe beklagen höhere Materialpreise

Seit Ende Februar haben der Nahost-Konflikt und die zeitweise Sperrung der Straße von Hormus die Energie- und Rohstoffmärkte erfasst. Bitumen, Zement, Kunststoffe und Diesel sind binnen Wochen spürbar teurer geworden – gut drei Viertel der Betriebe melden höhere Materialpreise. Durch rapide steigende insbesondere Preise  für Bitumen, Baustahl, Zement, und Kunststoffe geraten immer mehr Bauunternehmen in Finanznot. Dabei kommt das von der Bundesregierung als zusätzliche Schulden aufgenommene Sondervermögen Infrastruktur in Höge von 500 Milliarden Euro so gut wie überhaupt nicht bei den Unternehmen an, Laut der Frühjahrsumfrage der Bundesvereinigung Bauwirtschaft haben bislang nur vier Prozent der befragten Betriebe davon profitiert, 80 Prozent verneinen das. "Von einem Ende der Talsohle kann noch keine Rede sein. Wenn die Bundespolitik nicht noch in diesem Jahr die Rahmenbedingungen für die Unternehmen deutlich verbessert, kann die Lage auch noch deutlich schlechter werden", sagte Marcus Nachbauer, Vorsitzender der Bundesvereinigung Bauwirtschaft (BVB) und selbst als Unternehmer Geschäftsführer der Nachbauer Gerüstbau GmbH. . Der Verband wurde vor genau 25 Jahren ins Leben gerufen und repräsentiert 370.000 Beschäftigte und 3,7 Millionen Beschäftigte des gesamten deutschen Bau- und Ausbauhandwerks.

Die in der Bundesvereinigung Bauwirtschaft (BVB) zusammengeschlossenen Unternehmen erzielten 2025 einen Umsatz von rund 432 Milliarden Euro – ein nominales Plus von 0,8 Prozent. Getragen wurde diese Stabilisierung allerdings vor allem von Preiseffekten. Die Zahl der Beschäftigten ging demografiebedingt um 1,4 Prozent auf rund 3,78 Millionen zurück. Für 2026 erwartet die Branche einen Umsatz etwa auf Vorjahresniveau; die Beschäftigung dürfte um etwa 0,3 Prozent leicht sinken.

Baubereiche entwickeln sich unterschiedlich

  • Bauhauptgewerbe: Mit einem Umsatz von rund 146 Milliarden Euro stellt das Bauhauptgewerbe gemeinsam mit dem Garten- und Landschaftsbau etwa ein Drittel des Branchenumsatzes. Für 2026 wird mit leichten Rückgängen gerechnet. Positiv entwickelt sich dagegen die Auftragslage. Die durchschnittliche Reichweite der Auftragsbestände stieg auf 9,5 Monate. Im Wohnungsbau legten die Auftragspolster sogar um knapp 19 Prozent zu. Die daraus resultierenden Umsätze werden jedoch überwiegend erst ab 2027 wirksam.
  • Gebäudetechnik: Die Gebäudetechnik bleibt mit rund 179 Milliarden Euro Umsatz die größte Sparte der Branche. Sie steht für rund 40 Prozent des Gesamtumsatzes und beschäftigt etwa die Hälfte aller  Mitarbeiter. Während sich das Sanitär-, Heizungs- Klimahandwerk auf ein verhaltenes Jahr einstellt, sorgen Modernisierung und Energieeffizienz weiterhin für Stabilität. Das Elektrohandwerk und der Sonnenschutzbereich rechnen mit einer Stagnation. Unterstützend wirkt das Gebäudereiniger-Handwerk, das leicht wachsen dürfte.
  • Dachdeckerhandwerk: Das Dachdeckerhandwerk behauptet erneut seine Rolle als krisenfeste Sparte. Mit einem Umsatz von rund 13,5 Milliarden Euro profitiert es von der anhaltend hohen Nachfrage nach Sanierungen und energetischen Modernisierungen. Besonders erfreulich ist die Entwicklung bei der Ausbildung: Die Zahl der Ausbildungsverhältnisse erreicht den höchsten Stand seit 2002.
  • Garten- und Landschaftsbau: Der Garten- und Landschaftsbau bleibt ein Stabilitätsanker der Branche und dürfte auch 2026 weiterwachsen. Impulse kommen vor allem aus Investitionen in die kommunale Klimaanpassung, etwa bei Schwammstadt-Konzepten, sowie aus einem stabilen Privatkundengeschäft.
  • Ausbaugewerke: Die Ausbaugewerke – darunter Stuckateure, Fliesenleger, Tischler und Maler – erwirtschaften rund 107 Milliarden Euro Umsatz. Insgesamt bleibt die Entwicklung nahezu stabil, wenn auch mit leicht negativer Tendenz. Während das Tischlerhandwerk robuste Perspektiven meldet, belasten rückläufige Aufträge im Privatkundengeschäft die Erwartungen vieler Malerbetriebe.

 

Wohnungsbau bleibt größte Baustelle

Besonders kritisch bewertet die BVB-Verbände die Entwicklung im Wohnungsbau. 2025 wurden lediglich rund 206.600 Wohnungen fertiggestellt – der niedrigste Wert seit mehr als einem Jahrzehnt. Dem steht ein jährlicher Bedarf von rund 400.000 Wohnungen gegenüber. „Der Wohnungsbau muss endlich wieder in Gang kommen“, fordert Nachbauer. „Die Voraussetzungen dafür sind bekannt und müssen jetzt konsequent umgesetzt werden.“

Die BVB fordert deshalb:

1. KfW-Förderung verlängern und ausbauen: Das Förderprogramm für das Standard-Effizienzhaus-55 in Kombination mit 100 % erneuerbarer Wärme muss über das geplante Ende hinaus verlängert und mit einem langfristig verlässlichen Zinssatz unterhalb des Marktniveaus ausgestattet werden.

2. Den Bauüberhang von rund 453.000 genehmigten, aber noch nicht begonnenen Wohnungen durch zeitlich befristete Sonderkonditionen  mobilisieren, etwa durch einen Zinsvorteil oder Zuschuss bei nachgewiesenem Baustart innerhalb einer definierten Frist.

3. Die bis 2029 befristete Sonder-AfA sollte an den EH 55-Standard gekoppelt werden, um vor allem den Mietwohnungsbau zu revitalisieren. Allein dadurch könnten jährlich rund 30.000 zusätzliche Wohnungen aus dem bestehenden Bauüberhang aktiviert werden.

 

Bauwirtschaft fordert Beschleunigung der Infrastrukturinvestitionen

Zudem fordert die Bauwirtschaft eine schnellere Umsetzung der angekündigten Infrastrukturinvestitionen. Von gut 37 geplanten Milliarden sind 2025 nur 24 abgeflossen, an Länder und Kommunen kein einziger Euro. Die Zehn-Prozent-Investitionsquote muss im Vollzug erreicht werden – gemessen an dem, was tatsächlich verbaut wird, nicht an Soll-Zahlen auf dem Papier. Es braucht eine verlässliche überjährige Finanzierung, etwa einen Verkehrsinfrastrukturfonds, und das Geld muss dort ankommen, wo der Investitionsstau am größten ist: in den Kommunen.

Darüber hinaus fordert Nachbauer, das Infrastruktur-Zukunftsgesetz nicht zu verwässern: „Dass die Bundesregierung Straßen, Brücken, Schienen und weiteren technischen Infrastrukturprojekten ein überragendes öffentliches Interesse einräumen will, ist der richtige Hebel. Wenn nun aber auch Moore, Biotope oder Auen pauschal diesen Sonderstatus erhalten sollen, läuft der Beschleunigungseffekt für die Infrastruktur ins Leere.“

Nachbauer abschließend: „Die Koalition hat versprochen, dass sich die Kräne drehen und die Bagger rollen. Straßen, Brücken und Bahnhöfe, Kindergärten und Schulen sollen endlich modernisiert werden. Wenn dieses Versprechen noch in dieser Legislaturperiode eingelöst werden soll, ist jetzt entschlossenes Handeln gefragt. Die Bauwirtschaft hat das Potenzial, dieses Land aus der Stagnation zu führen – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Die Aufgaben sind groß und sie dulden keinen Aufschub.“

 

Bild: Marcus Nachbauer (Foto: BVB)

von Jasch Zacharias

Erschienen in Ausgabe: online

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