Pflaster- und Wegebau - von

Übergänge mit differenzierter Bordsteinhöhe lösen Konflikt

Barrierefreies Bauen mit Produkten des Bordsteinspezialisten Meudt

Wallmerod – Bei der Überquerung von Straßen besteht zwischen seh- und mobilitätsbehinderten Menschen im Hinblick auf die Gestaltung von Querungsstellen ein Interessenkonflikt. Wünschen sich Blinde eindeutig ertastbare Höhenunterschiede an Bordsteinen, so benötigen Rollator- oder Rollstuhlnutzer niveaugleiche Übergänge. Diese wiederum gefährden blinde Menschen. So sind baulich zwei Bereiche notwendig, die sich deutlich voneinander unterscheiden und beiden Bedürfnissen gerecht werden. Der Ansatz lautet: „Getrennte Querungsstellen mit differenzierter Bordsteinhöhe“. Ein gelungenes Beispiel zeigt die hessische Kurstadt Bad Vilbel, die beim Bau dreier Kreisverkehre diese Lösung wählte.

Die Homburger Straße ist eine wichtige Zufahrtstraße für alle, die sich über die Bundesstraße 3 Bad Vilbel nähern. Im Zuge einer städtebaulichen Neuordnung beschloss die Gemeinde 2012 eine Anpassung der Straße an prognostizierte Verkehrsentwicklungen. Ein wesentliches Merkmal war dabei der Umbau zweier ampelgeregelter Kreuzungen zu Kreisverkehren und der Bau eines neuen Knotenpunktes westlich des Viaduktes – ebenfalls als Kreisverkehr.

Kreisverkehr bringt Probleme für Sehbehinderte
Neben der optimierten Anbindung der bestehenden Infrastruktur war die Verkehrsregulierung und -beruhigung für die Planer ein wichtiger Aspekt der Baumaßnahme. Der Schallpegel sollte reduziert und die Schadstoffbelastung minimiert werden. Dabei stand die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer im Mittelpunkt. Vor allem die neu angelegten Querungen sollten deshalb barrierefrei gestaltet werden.

Dipl.-Ing. Matthias Wolf (Ingenieurbüro IMB-Plan GmbH/Frankfurt): „Kreisverkehre haben im Vergleich zu signalgeregelten Knotenpunkten eine Reihe beachtlicher Vorteile: Die niedrige Geschwindigkeit durchfahrender Fahrzeuge und die bessere Übersichtlichkeit führen dazu, dass sich weniger Unfälle ereignen und dass Unfälle glimpflicher ablaufen. Gleichzeitig kann dabei der Verkehrsfluss gesteigert werden. Es entstehen weniger Abgase, weniger Lärm und geringere Wartungskosten gegenüber einer Ampellösung. Rollstuhl- und Rollatornutzer kommen in aller Regel mit dieser Verkehrssituation gut zurecht. Sehbehinderte Menschen dagegen kann sie vor erhebliche Schwierigkeiten stellen. Während bei einer Kreuzung der Weg einzelner Fahrzeuge über das Gehör relativ gut verfolgt werden kann, ist dies bei einem Kreisverkehr kaum möglich, denn die akustische Richtungsunterscheidung der Verkehrsströme ist hier nur schwierig zu beurteilen. Zudem gibt es keine hörbaren Ruhephasen in den Verkehrsströmen, wie etwa an lichtsignal­gesteuerten Kreuzungen. Ein diffuser Geräusche-Brei lässt einen blinden Menschen nicht wahrnehmen, ob ein Fahrzeug an der Stelle ausfährt, an der er queren möchte“, so Wolf.
Deshalb setzten die Planer bei allen neun neu geschaffenen Querungsstellen auf getrennte Bereiche mit differenzierter Bordsteinhöhe. Diejenigen für Sehbehinderte weisen eine Bordhöhe von 6 Zentimeter auf. Der Tastbord dient dabei als taktiles Element.
Daneben führt die „Nullabsenkung“ mit Bordhöhe 0 cm vom Gehweg- auf das Straßenniveau hinab. Zwischen diesen beiden Ebenen und zu den benachbarten Borden mit üblichen Höhen von 10 bis 12 Zentimeter gleichen „Adapter“ die Höhenunterschiede aus.
Matthias Wolf: „Mit Rücksicht auf Gehbehinderte müssen Nullabsenkungen zwar so breit wie nötig, für Sehbehinderte aber so schmal wie möglich gestaltet sein, denn der Blindenstock sollte bei normalem Pendeln zumindest einen Rest der Bordsteinkante erfassen. Daraus folgt, dass die Nullabsenkung nicht schmaler sein darf als 90 Zentimeter, vor allem aber nicht breiter sein sollte als 100 Zentimeter. Zudem sollte die gesamte Absenkung inklusive Adapter von Null auf drei Zentimeter Höhe nur maximal 1,50 Meter breit sein.“

Komplettsystem ermöglicht Querungsstellen aus einem Guss
Die Entscheidung für die Materialwahl fiel auf ein spezielles Bordsteinsystem der Firma Hermann Meudt. Der Bordsteinspezialist aus Wallmerod bietet mit den Bordsteinkomponenten „Fase 2“ und „0-Absenkung“ zwei Systemlinien, mit denen beliebige getrennte Querungsstellen errichtet werden können. Matthias Wolf: „Mit den dazugehörigen Bodenindikatoren und einer Reihe von Adaptersteinen ist es möglich, mit hoher Individualität den gesetzlichen Forderungen gerecht zu werden. Das Komplettsystem der Firma Meudt ermöglicht zudem eine Gestaltung der Querungsstellen aus einem Guss.“

Am 29. Juni 2015 wurde für die drei Kreisel die offizielle Verkehrsfreigabe erteilt. Im Verlauf der Bauarbeiten seit Mai 2014 wurden für rund 4,1 Mio. Euro 4.670 Meter Bordsteine, 8.000 Quadratmeter Pflasterfläche und 8.850 Quadratmeter Asphaltierung eingebracht. Außerdem wurden Rohrleitungen in einer Gesamtlänge von 1.325 Meter vergraben. Auch Gas-, Wasser- und Stromleitungen wurden erneuert und die Straßenbeleuchtung mit zeitgemäßer LED-Technik ausgestattet.

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Erschienen in Ausgabe: Juli 2016 | Seite 36

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