von Jasch Zacharias
„Schienensanierung braucht bessere Planung“
BVMB kritisiert strukturelle Defizite bei Deutscher Bahn als Ursache für Verzögerungen
Es ist mal wieder soweit: Eine der meist frequentierten Schnellstrecken der Deutschen Bahn (DB) fällt aus. Zwischen Berlin und Hannover soll gleich 14 Monate lang nichts mehr gehen. Korridorsanierung. Sämtliche Fernzüge - auch die beispielsweise von Köln und Dortmund kommen - werden während dieser Zeit umgeleitet und brauchen mindestens 80 Minuten länger. Grund für die lange Sperrung ist auch die Erneuerung der Betonfahrbahn rund um Stendal. Doch planmäßig verläuft die scheinbar endlos dauernde Sanierung nicht.
Noch im Juni hatte die Bahn ein Konzept vorgestellt, wonach zwischen Dezember in diesem Jahr und Oktober 2027 die Züge zumindest in einer Fahrtrichtung auf der parallel zur Strecke verlaufenden sogenannten Lehrter Stammbahn fahren sollten und so kaum Zeit verlieren. Doch die Elektrifizierung dieser Parallelstrecke verzögert sich, weshalb der gesamte Fernverkehr nun während der Bauarbeiten über Braunschweig und Magdeburg umgeleitet werden muss, so die Stellungnahme.
Schienensanierung: Deutsche Bahn seit Jahren im Kreuzfeuer der Kritik von Wirtschaft und Fahrgästen
Die Deutsche Bahn (DB) zieht wegen der vielen Verspätungen, Ausfälle und Verzögerungen bei den Bauarbeiten rund um die Schieneninfrastruktur seit Jahren bereits den öffentlichen Zorn auf sich. Die Bundesvereinigung Mittelständischer Bauunternehmen (BVMB) fordert nun eine sachliche Aufarbeitung der Defizite. Die Korridorsanierungen der Deutschen Bahn sind aus Sicht der BVMB nicht die eigentliche Ursache der aktuellen Probleme im Schienenverkehr, sondern eine notwendige Antwort auf jahrzehntelange Versäumnisse bei der Modernisierung der Schieneninfrastruktur. Der Verband sieht die Gründe für Verzögerungen und Betriebsstörungen vor allem in strukturellen Defiziten des Systems Schiene, darunter erhebliche Investitionsrückstände, unzureichende Planungsgrundlagen, fehlende Bestandsdaten sowie der zunehmende Verlust bahntechnischer Fachkompetenz in der Breite.
Michael Gilka, Hauptgeschäftsführer der BVMB, ist trotz aller Kritik, die an der Bahn geübt wurde, überzeugt: „Die Generalsanierungen sind konzeptionell notwendig und richtig“, sagt er. „Die Generalsanierungen sind nicht das Problem, sondern machen die systeminhärenten Probleme sichtbar. Deshalb sollten wir die Debatte sachlich führen und den Blick auf die eigentlichen Ursachen richten. Wer hier Ursache und Wirkung verwechselt, wird die Herausforderungen des deutschen Schienennetzes nicht lösen, denn das in der Vergangenheit nur auf maximale Auslastung optimierte Netz, weist keine Reserven in Form von Umleitungsstrecken und betrieblichen Redundanzen mehr auf. In einem solchen System sind umfangreiche Sanierungsmaßnahmen nicht ohne erhebliche Auswirkungen zu machen“, erklärt der Verbandsvertreter.
Warum Korridorsanierungen Verzögerungen verursachen
Kritisch sieht der Verband insbesondere die kurzen Vorbereitungszeiträume vieler Korridorsanierungen. Zwischen politischen Zielvorgaben und praktischer Umsetzung hätten vielfach nur wenige Monate gelegen. Die Folge seien Anpassungen laufender Programme, Terminverschiebungen und zusätzliche Sperrungen. Aus Sicht der BVMB müsse die Planung großer Infrastrukturprogramme stärker an den tatsächlichen Projektlaufzeiten ausgerichtet werden. Besonderen Handlungsbedarf sieht Gilka bei der Qualität der Projektvorbereitung: „Aus den Gesprächen mit Mitgliedsunternehmen hören wir immer wieder, dass für Planung und Ausschreibung häufig keine ausreichend belastbaren Bestandsdaten zur Verfügung stehen.“
Auch fehlende Fachkräfte gefährden Sanierungserfolg
Die Folge: Veraltete oder unvollständige Pläne sowie nicht hinreichend verifizierte Bestandsunterlagen führen dazu, dass Risiken erst während der Bauausführung erkannt würden. Dies beeinträchtige Termin-, Kosten- und Ausführungssicherheit gleichermaßen. „Wer aber moderne Infrastruktur bauen will, muss zunächst die bestehende Infrastruktur genau kennen und dafür müssen wir mehr in die Analyse gehen“, so Gilka weiter.
Gleichzeitig warnt er vor einem weiteren Verlust bahntechnischer Kompetenzen. Die Modernisierung des Schienennetzes erfordere hochqualifizierte Fachkräfte bei Auftraggebern, Planern, Genehmigungsbehörden und Projektverantwortlichen gleichermaßen. Der Erhalt von technischem Erfahrungswissen und der Aufbau zusätzlicher Kapazitäten seien eine zentrale Voraussetzung für den Erfolg der Schienenmodernisierung. „Kompetenzabbau und steigende technische Anforderungen seien keine zukunftsfähige Kombination“, so Gilka weiter.
Langfristige Finanzierung ist Grundvoraussetzung
Die BVMB appelliert daher an Politik, Deutsche Bahn AG und DB InfraGO AG, die Lehren aus den bisherigen Erfahrungen zu ziehen. Notwendig seien eine langfristig gesicherte Finanzierung, realistische Vorbereitungszeiträume, belastbare Bestandsdaten, starke technische Fachkompetenzen sowie eine bessere Verzahnung von Sanierung und Kapazitätsausbau. Die BVMB hat sich in diesem Sinne mit zwei weiteren Verbänden der Bahn- und Bauwirtschaft an Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) in einem Brief gewandt und empfohlen, an dem Konzept der Korridorsanierungen festzuhalten und dieses weiterzuentwickeln.
Bild: Schotterplaniermaschine auf der Schnellstrecke von Hannover nach Berlin im Bahnhof Wolfsburg. (Foto: Deutsche Bahn AG/ Oliver Lang)
von Jasch Zacharias
Erschienen in Ausgabe: Seite2 | Oktober 2026