Fahrbericht - von

Nichts für „weichgespülte“ Stadt-Geländewagenfahrer

Test des neuen Mitsubishi-Pickup L 200 auf dem Offroad-Testgelände des ADAC-Fahrsicherheitszentrums Berlin-Brandenburg

Berlin - Seit letztem Jahr ist er in Deutschland erhältlich – der neue Mitsubishi L 200. Autor Mark Schmiechen nahm ihn zwei Wochen lang für uns unter die Lupe. Kurzfazit: Der L 200 bot zwei Wochen kernigen Fahrspaß.

Der neue Mitsubishi L 200 erweist sich auf den ersten Metern als kein übler Gesell, sondern eher als ein guter Kumpel, der viel wegschafft und stets hilfsbereit ist. So kommt die fünfte Genera­tion des Mitsubishi L 200 Pickup in ihrer unverwechselbaren Form und Gehabe daher.
Und eines ist relativ schnell klar, er ist beileibe kein softer SUV-Ableger oder Vorläufer selbiger. Ganz im Gegenteil. Er zeigt was einen echten Pickup-Offroader, denn so kann man ihn charakterisieren, auszeichnen sollte: Kraft, eine ansprechende Geländegängigkeit und das alles verpackt in einem ansehnlichen Gewand.

Außen recht gefällig
Ein Rundgang um das Fahrzeug führt zu der frühen Erkenntnis, dass man mit diesem Fahrzeug auffallen wird. Das liegt nicht nur an dem Mehr an Chrom, der sehr peppigen Farbe, den geschmiedeten 18-Zoll-Leichtmetallfelgen mit 255er-Schlappen des Testwagens, sondern auch an der Linienführung. Denn mit der Formengebung setzt sich Mitsubishi deutlich von den Wettbewerbern ab.
Trotz seiner fast 5,30 Meter Länge und einem Leergewicht von bis zu 2.026 Kilogramm nimmt ihm die leicht keilförmige Frontpartie sowie die nach hinten abfallende Dachhöhe der Doppelkabine einiges an Bulligkeit, die sonst in diesem Segment gerne zur Schau gestellt wird. Das ist natürlich Geschmackssache und mag manch einem seltsam erscheinen. Ich finde, es steht ihm – wie schon erwähnt – gut zu Gesicht. Dabei versucht er sich aber nicht bewusst „schick“ zu machen. Der L 200 setzt eher auf Understatement und will durch Leistungsvermögen überzeugen.
Aufmerksamkeit erweckt er in diesem Design allemal, denn der Rest der SUV-Gemeinde (wobei ich ihn eigentlich ungern da einreihen möchte) sowie des Pickup-Wettbewerbs kommt mittlerweile sehr angepasst und im Einheitslook daher. Samstagmorgens auf dem Parkplatz eines großen Baumarktes erzielt man so schon ein kleines bisschen „Starrummel“ und das nicht nur in Berlin.

Leistung ist das richtige Stichwort
Das Starten des Motors ist schon ein Erlebnis, denn nicht nur das der Start-Stopp-Knopf auf der linken Seite des Lenkrades ist, nein – im Moment des Drückens offenbart er seine kernige, manchmal auch ein wenig ruppige Seite.

Der Vergleich zu einem LKW sei hier gestattet, weil sogar mein über zehn Jahre alter Passat sich beim Starten weniger schüttelt als der L 200. Er ist halt ein rustikales Auto mit herben Charme, ein echter Vertreter der Arbeiterklasse und nichts für „weichgespülte“ Stadt-Geländewagenfahrer.

Trotz dieser leichten Laufunruhe sind auch längere Überlandfahrten keine unangenehme Sache, was sicherlich auch an der guten Innenausstattung liegt. 10,4 Sekunden laut Hersteller von Null auf 100 Stundenkilometer interessiert nicht, ein Drehmoment von 430 Newtonmeter bei 2.500 Umdrehungen pro Minute schon eher. Es zeigt, dass Kraft vorhanden ist. Besonders im Gelände oder bei Fahrten unter Last kommt diesem Wert seine Bedeutung zu.

Wie es sich für einen echten Pickup gehört, ist die Federung hart, eben blatthart. So wie in diesem Fahrzeugsegment üblich vefügt er vorne über kräftige Federbeine und hinten eine klassische Blattfederung, die dem Lastenprofil zu gute kommt. Pneumatische Systeme gehören da auf keinen Fall rein und das zeigt sich dann im Gelände.

Jetzt wird es besonders ruppig
Für alle, die noch nie im Gelände unterwegs waren, mag es sich vielleicht komisch anhören, aber drei Stunden bergauf und -ab, durch Matschlöcher, in die Verschränkung und den leider trockenenen Wasserfall rauf fahren, ist mit dem L 200 ein wahres Vergnügen.
Das Offroad-Testgelände im Fahrsicherheitszentrum des ADAC im brandenburgischen Linthe forderte ihm einiges, jedoch nicht all sein Können ab. Permanenter Allradantrieb, sperrbares Mitteldifferenzial sowie eine Geländeuntersetzung sind die Dinge, die es möglich machen und damit ist er gut aufgestellt.
Der L 200 bietet viel Fahrspaß bei Steigungen bis zu 70 Prozent und einer Kippwinkelfähigkeit bis 45 Grad, was allerdings nicht jedermanns Sache ist. Da gehört ein gehörige Portion Vertrauen in die Technik zu, die sich auf jeden Fall auszahlt. Sonst durchpflügt er mit einer stoischen Ruhe jeden Untergrund, ohne dass der Fahrer unnötig ins Schwitzen gerät. Meine persönliche Wertung: Er kann was!

Wohlfühlen geht auch
Beim Komfort zieht der L 200 im vollem Umfang mit seinen Kollegen gleich. Der Sitzkomfort ist sehr gut, die Übersicht ist auf Grund der Abmessungen nicht so einfach, dank optionaler Rückfahrkamera und Einparkwarner aber nicht im Bereich des Unmöglichen.

Fahrassistenzsysteme wie Tempomat mit Geschwindigkeitsbegrenzer und eine Berganfahrhilfe sind sinnvoll und stehen ungeübteren Fahrern hilfreich zur Seite. Der Arbeitsplatz des Fahrers ist nicht mit Schaltern und Hebelchen überladen, es sind genügend Ablageflächen vorhanden und der Sitz sowie das Lenkrad lassen sich ergonomisch gut anpassen.

Das Navi- /Telefon- und Soundsystem erfordert keinen Doktortitel, mir persönlich fehlte nur ein Tastschalter oder eine entsprechende Schaltfläche, um in den Untermenüs zurückzugehen. Die Doppelkabine bietet Platz für den Transport von fünf Personen; selbst wenn große Fahrer vorne sitzen, bleibt noch genügend Platz in der zweiten Reihe.

So schafft er eine Menge weg
Hänger dran, Arbeitsgeräte oder -materialien auf die Ladefläche, fünf Mann in die Doka (Doppelkabine) – fertig ist der mobile Arbeitstrupp. 3.100 Kilogramm gebremste Anhängelast und fast eine Tonne Zuladung auf der 152 Zentimeter langen, 147 Zentimeter breiten sowie 47,5 Zentimeter hohen Ladefläche, da kann manch ein Handwerker oder GaLa-Bauer wahrscheinlich nicht nein sagen. Der L 200 ist eindeutig eher für den Arbeitseinsatz und nicht für Stadtbewohner konzipiert. Da kommt er auch an, über vier Millionen verkaufte Einheiten weltweit erbringen den Beweis.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang hier auch die meist bekannte Vielfalt der Ladeflächenabdeckungen. Insbesondere die Möglichkeit die Ladefläche mittels Hardtop sowie entsprechenden Innenausbau in eine fahrende Werkstatt oder gut durchdachte Werkzeugaufbewahrung für den Transport zu verwandeln macht einen Pickup für viele Gewerke interessant.

Ein Häkchen gibt es aber auch
Na klar, das bleibt bei den besten Autos nicht aus. Wie in den meisten Test fällt der deutlich höhere Spritverbrauch im Gegensatz zu den herstellerseitig angegebenen Werten auf. Der L 200 nimmt je nach Fahrweise gerne einen guten Schluck aus der Pulle, so dass der kombinierte Wert von 6,4 Liter auf 100 Kilometer kaum oder nur bei sehr, sehr, sehr zarter Fahrweise und keinen Geländeausritten erzielt werden könnte.

Fazit
Alles in allem ist die aufgefrischte, fünfte Generation absolut konkurrenzfähig, ihm steht aber mit VW, Toyota, Nissan, Ford reichlich Wettbewerb gegenüber.

Sehr positiv aufgefallen ist mir das außerordentlich gut funktionierende Start-Stopp-System. Es ist relativ schnell aktiv und schaltet auch bei kurzen Anrollphasen, wie zum Beispiel im Stau oder bei langen Ampelphasen nach Betätigen der Bremsen schnell wieder ab bzw. beim Betätigen der Kupplung ebenso zügig wieder zu.
Pickup fahren, heißt immer ein wenig Fahrkomfort einbüßen, aber dafür ist das Abenteuer um so größer. Für meinen Geschmack dürfte er gerne etwas laufruhiger und nicht so polternd sein – sein Geld wert ist er allemal.

Autor: Mark Schmiechen

von

Erschienen in Ausgabe: Juli 2016 | Seite 38

Zurück