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Dr. Frank Purtak. Foto: Deutscher Ausschuss für Mauerwerk

Richtlinie erleichtert das Planen von Leitungsschlitzen in Wänden

Bei neuen Aussparungen im Mauerwerk können Statik und Schutzfunktionen beeinträchtigt werden

Wenn Leitungsschlitze in einer Mauerwerkswand nicht korrekt ausgeführt werden, kann das gravierende Auswirkungen haben – sowohl auf den Brand-, Schall- und Wärmeschutz als auch auf die Statik. Worauf genau zu achten ist, erläutert Dr.-Ing. Frank Purtak. Er ist Geschäftsführer der TragWerk Ingenieure Döking+Purtak GmbH und unter anderem Mitglied im Technischen Ausschuss des Deutschen Ausschusses für Mauerwerk e.V. (DAfM) sowie koordinierender Fachautor der DAfM-Richtlinie 2.

Herr Dr. Purtak, warum sollten Bauingenieure, Tragwerksplaner und Architekten die DAfM-Richtlinie 2 als wichtiges Nachschlagewerk immer bei sich haben?

Dr. Frank Purtak: In Neu- und Altbauten aus Mauerwerk werden die erforderlichen Haustechnik-Leitungen vorwiegend in nachträglich hergestellten Schlitzen und Aussparungen verlegt. Damit ist eine Schwächung der Wände verbunden – und das hat Auswirkungen auf deren Tragfähigkeit und bauphysikalischen Eigenschaften. Dieser Umstand ist auch gegeben, wenn Schlitze und Aussparungen bereits bei der Erstellung des Rohbaus durch Anordnung von Formsteinen oder beim Aufmauern der Wand umgesetzt werden.

 

Warum ist gerade jetzt die neue DAfM-Richtlinie 2 so wichtig?

Die Verlegung von Leitungen wird unter dem Stichwort „Smart Home“ noch weiter zunehmen, weshalb eine regelkonforme Anordnung von Schlitzen und Aussparungen unabdingbar ist. Die Richtlinie 2 des DAfM fasst die aktuellen Regelungen übersichtlich zusammen und verdeutlicht bestimmte Sachverhalte zusätzlich mit anschaulichen Abbildungen und Diagrammen. Damit ist die Richtlinie ein hilfreiches Nachschlagewerk für alle Fragen rund um die Planung und Ausführung von Schlitzen und Aussparungen in Mauerwerk.

 

Inwiefern muss das nachträgliche Schlitzen von Wänden gut geplant und fachmännisch ausgeführt sein?

Schlitze und Aussparungen sind keine triviale Angelegenheit, weil eine fehlerhafte Ausführung, zum Beispiel zu tiefe beziehungsweise zu breite Schlitze die Standsicherheit einer Wand beeinträchtigen können. Deshalb sollten Schlitze und Aussparungen geplant werden.

 

Welche Rolle spielt das passende Werkzeug?

Es ist außerordentlich wichtig: Statt zu stemmen, sollte man fräsen, denn nur so wird das Mauerwerksgefüge nicht erschüttert und ein Ausbrechen der Mauersteine vermieden.

 

Gibt es Unterschiede beim Schlitzen von tragenden Wänden und nichttragenden inneren Trennwänden aus Mauerwerk?

Im Dezember 2019 wurde vom DAfM die Richtlinie 1 „Nichttragende innere Trennwände aus Mauerwerk“ veröffentlicht. Nach dieser sind die Angaben des nationalen Anhangs DIN EN 1996-1-1/NA für die Anordnung von Schlitzen und Aussparungen auch für nichttragende innere Trennwände aus Mauerwerk zu beachten. Grundsätzlich muss für beide Wandarten immer die Standsicherheit gewährleistet sein. Das bedeutet bei nichttragenden Wänden aus Mauerwerk, dass diese auch horizontale statische und stoßartige Lasten nach DIN 4103-1 aufnehmen können müssen.

 

Wie werden horizontale und vertikale Schlitze in Mauerwerkswänden rechnerisch nachgewiesen?

Durch horizontale und schräge Schlitze in Mauerwerk treten in der Wand zusätzliche Exzentrizitäten auf. Daher sind solche Schlitze ohne rechnerischen Nachweis erst ab einer Wanddicke von 150 Millimetern zulässig. Sie dürfen dabei mit wenigen Ausnahmen nur einseitig in einem Bereich von £ 400 Millimetern ober- oder unterhalb der Rohdecke angeordnet werden. Vertikale Schlitze in Mauerwerk ohne rechnerischen Nachweis sind dagegen schon ab einer Wanddicke von 115 Millimetern möglich.

 

Was haben die unterschiedlichen Schlitz-Varianten gemeinsam?

Sowohl horizontale und schräge als auch vertikale Schlitze und Aussparungen dürfen nicht beliebig tief ausgeführt werden. Die maximalen Schlitztiefen sowie einzuhaltende Abstände, beispielsweise der Mindestabstand zwischen vertikalen Schlitzen, sind tabellarisch in der DAfM Richtlinie 2 ausgewiesen. Zum besseren Verständnis wurden diese Angaben gegenüber der Norm noch durch zahlreiche Abbildungen und Diagramme ergänzt, was dem Anwender die Arbeit deutlich vereinfacht.

 

Inwieweit beeinträchtigen Schlitze den Schallschutz?

Durch Schlitze und Aussparungen wird örtlich die Wanddicke und damit die flächenbezogene Masse der Mauerwerkswand reduziert. Die Wand weist damit an diesen Stellen eine verringerte Schalldämmung auf. Um diesen Einfluss näher bestimmen zu können, sollte eine Wand mit Schlitzen und Aussparungen wie ein zusammengesetztes Bauteil mit Teilflächen unterschiedlicher Schalldämmung betrachtet werden. Die resultierende Direkt-Schalldämmung errechnet sich dann, indem die auf die Gesamtfläche auftreffende Schallenergie durch den Mittelwert der durchgelassenen Schallenergie geteilt wird. Entsprechende Hinweise und ein einfaches Rechenbeispiel enthält unsere neue DAfM Richtlinie 2.

 

Welche Auswirkungen haben Schlitze und Aussparungen in Mauerwerkswänden auf den Wärme- und Brandschutz?

Heizungs- und Wasserrohre sollten möglichst nicht in Außenwänden verlegt werden. Dazu wären große Aussparungen und tiefe Schlitze nötig, die sich negativ auf den Wärmeschutz der Gebäudehülle auswirken können. Horizontale und vertikale Schlitze mit kleineren Abmessungen, wie sie für Elektroleitungen üblich sind, haben dagegen in der Regel keinen Einfluss auf den Wärmeschutz. Schlitze und Aussparungen in Mauerwerkswänden, die nach DIN EN 1996-1-1/NA beziehungsweise DAfM-Richtlinie 2 ohne gesonderten rechnerischen Nachweis zulässig sind, reduzieren die in den Tabellen im Anhang B von DIN EN 1996-1-2 jeweils angegebene Feuerwiderstandsdauer nicht. Einige wenige einzuhaltende Randbedingungen sind in der DAfM-Richtlinie 2 ausgewiesen.

 

Die Richtlinie "Schlitze und Aussparungen in Mauerwerk" kann zum Preis von 24,90 € bestellt werden.

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Erschienen in Ausgabe: online

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