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Die Reifenproduktion im BKT-Werk im indischen Bhuj.   (Foto: BKT)
Die Reifenproduktion im BKT-Werk im indischen Bhuj. (Foto: BKT)

Mit Löwenzahn will Reifenhersteller BKT nachhaltiger produzieren

BKT und Kultevat wollen Löwenzahn-Kautschauk in der Reifenherstellung einsetzen

Seregno (Italien) – Balkrishna Industries Limited (BKT), ein führender Off-Highway-Reifenhersteller mit Sitz in Indien, schließt ein gemeinsames Forschungsabkommen mit Kultevat, Inc., einem führenden Biotechnologie-Unternehmen aus den USA, das auf den Anbau und die Verarbeitung von TKS Löwenzahn, einen erneuerbaren und nachhaltigen Rohstoff als Alternative für Naturkautschuk, spezialisiert ist. Der Zweck der Vereinbarung ist die Entwicklung neuer Compoundierungs­methoden mit TKS Kautschuk zur Integration in das Reifenfertigungsverfahren.

Alle Studien, Analysen, Tests und Versuchsreihen werden in BKTs kürzlich eingeweihtem, modernen Forschungs- und Entwicklungszentrum mit dem Namen „Suresh Poddar Innovation Hub“ ausgeführt werden, das sich über eine Fläche von 25 Morgen auf dem neuesten und größten Produktionsstandort des Unternehmens in der indischen Stadt Bhuj erstreckt.
Das „D&R-Centre“ wurde letztes Jahr offiziell eingeweiht. In diesem Rahmen wurden einige ambitionierte Projekte im Zusammenhang mit nachhaltigen Materialien angekündigt, wie zum Beispiel die Forschung nach Alternativen zu natürlichem und Synthesekautschuk sowie die Entwicklung leistungsstarker Gummimischungen mit Nanomaterialien und -verbundstoffen. Dieses Großprojekt zeigt das Engagement des Unternehmens für Nachhaltigkeit und Innovation und steht im Einklang mit den jüngsten Branchenanforderungen sowie den Empfehlungen der Europäischen Kommission betreffend kritischer Rohstoffe.

Das US-amerikanische Unternehmen Kultevat mit Hauptgeschäftssitz in St. Louis im Bundesstaaagt Missouri ist auf grüne Technologie spezialisiert und zwar insbesondere auf den Auszug von qualitativ hochwertigem Kautschuk von der Pflanze Taraxacum kok-saghyz (Russischer Löwenzahn), kurz TKS, mittels umweltfreundlicher Verfahren. Das Unternehmen hat auch Methoden zur Stabilisierung von TKS Kautschuk entwickelt. Das Abkommen fällt als “Gemeinsamer Forschungsvertrag” unter Titel 35 des Bundesrechts der Vereinigten Staaten zum Patentrecht. BKT, das eine gewisse Erfahrung bei der Entwicklung von Gummimischverfahren besitzt, zielt auf die Entwicklung von Compoundierungsmethoden mit TKS Kautschuk als neuartigen, erneuerbaren und nachhaltigen Rohstoff zur Integration in die Herstellungsverfahren für Off-Highway-Reifen. Das Abkommen sieht eine erste Projektphase mit verschiedenen Musterlieferungen im Jahre 2018 vor, während im Rahmen der zweiten Projektphase binnen Oktober 2019 die Lieferung einer Tonne stabilisierten TKS Kautschuks an BKT geplant ist.
Der TKS Kautschuk wird zu BKTs „D&R Centre“ in Bhuj geliefert werden. Infolge der Vereinbarung mit Kultevat wird BKT eine Reihe von Studien und Versuchsreihen mit dem neuen Rohstoff auf der Grundlage wissenschaftlicher Methoden und Werkstofftechnik beginnen. TKS Kautschuk wird stufenweise den Gebrauch von Naturkautschuk ersetzen oder reduzieren. Nach dem Erwerb allgemeiner Kenntnisse über das physikalisch-chemische Verhalten des neuen Rohstoffes und der Entwicklung erster Compoundierungsmethoden werden spezifischere Analysen, Tests und Versuche folgen, um mehr über spezifische Leistungskriterien herauszufinden, wie zum Beispiel das Verhalten bei mechanischer Beanspruchung; Dauerlastfestigkeit; Zugfestigkeit; Beständigkeit und Belastbarkeit; Schnitt-, Verschleiß- und Hitzebeständigkeit. Verschiedene Rezepturen werden zur Entwicklung halbfertiger Gummimischungen getestet werden, um beste Leistungseigenschaften des Reifens für spezifische Anforderungen in den unterschiedlichsten Anwendungen in den Gebieten Landwirtschaft, Erdbewegung, Hafen und Bergbau, ATV sowie Industrieanwendungen zu erhalten. Entsprechend der neuen Erkenntnisse kann es sich als notwendig erweisen, existierende Produktionsverfahren und -anlagen zu verändern. Es wird ein langer Weg voller Herausforderungen sein, um geeignete Versuchsreihen zu entwerfen, analysieren und durchzuführen, sowie Leistungsmerkmale auf der Grundlage bestehender Kenntnisse festzulegen, bevor der erste Prototyp eines speziellen Reifens in einer speziellen Anwendung gefertigt werden wird.
Die Übereinkunft zwischen Kultevat und BKT ist von zentraler Bedeutung, wenn man in Erwägung zieht, dass bis zum Jahre 2025 ein weltweiter Verbrauch an Naturkautschuk in Höhe von 17 Millionen Tonnen erwartet wird. Die steigende, globale Nachfrage – insbesondere in der Reifenindustrie – wird in Kürze zu einem Engpass bei der Beschaffung dieses Rohstoffes führen. Hevea brasiliensis ist eine in Südamerika heimische Pflanze, die gegenwärtig die einzige Quelle für Naturkautschuk darstellt, der hauptsächlich in Asien produziert wird. Zu den Problematiken um Hervea zählt die lange Vorlaufzeit, das heißt, dass die Pflanzen sechs bis acht Jahre benötigen, bevor sie zum ersten Mal geerntet werden können. Darüber hinaus besteht Landknappheit für Plantagen in der Äquatorialzone. Zur Deckung des vorgenannten Bedarfs wären 8,5 Millionen Hektar zusätzliches Anbaugebiet notwendig.

Wie andere Reifenhersteller beschäftigt sich auch BKT seit einiger Zeit mit der Suche nach Ersatzlösungen für den Rohstoff, wie Guayule und Löwenzahn. BKT entschied sich für Löwenzahn wegen seines höheren Latexanteils. Diese Pflanze wächst jährlich auch in gemäßigten Klimaregionen. Die Wurzeln enthalten etwa 15 Prozent Latex, der als Rohstoff zur Gummiherstellung verwendet werden kann. Russischer Löwenzahn wurde bereits in einem anderen Zeitraum des Gummimangels in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg verwendet. Mit der Erfindung von Synthesekautschuk geriet dieser wieder in Vergessenheit. Dank fortschrittlicher Biotechnologien und umweltfreundlicher Verfahren ist Kultevat in der Lage, TKS Kautschuk in großen Mengen zu liefern.

. Redaktion

Erschienen in Ausgabe: Mai 2018| Seite 10

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