von Redaktion
Leitungsbau: Wärmewende gerät ins Stocken
Ralph Donath: "Planung von Transportnetz wie das Wasserstoff-Kernnetz muss Verteilnetze, Nachfrage und Anschlussfähigkeit von Anfang an mitdenken"
Die Energiewende in Deutschland kommt nur schleppend voran, der Netzausbau hinkt den Zielen deutlich hinterher. Die 32. Tagung Leitungsbau, zu der der RBV und der HDB jüngst nach Berlin eingeladen hatten, hat deutlich gemacht, dass das nötige Know-how und die erforderlichen Kapazitäten vorhanden sind. Was fehle, sind klare politische Entscheidungen und verlässliche Rahmenbedingungen, hieß es bei der Tagung Ende Januar. Mehr als 200 Teilnehmer waren zur 32. Tagung Leitungsbau gekommen.
Ralph Donath: Ambitionierte Investitionsprogramme sind nicht genug
„Ambitionierte Investitionsprogramme allein reichen nicht aus“, machte RBV-Präsident Ralph Donath gleich zu Beginn deutlich. Wo eine stringente Gesamtplanung für ein sektorenübergreifendes Energiesystem fehlt, wachse der Druck in einem politisch und wirtschaftlich volatilen Umfeld, so der Verbandschef.
Donath analysierte die aktuelle Lage: Der Stromsektor verzeichne durch einen hohen Anteil erneuerbarer Energien und sinkende Emissionen deutliche Fortschritte. Dies dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Energiesystem insgesamt enorm unter Druck steht. In der Wärmeversorgung und in industriellen Anwendungen dominieren weiterhin fossile Energieträger, ebenso in Netzen und Speichern.
Konsistente Planung des Gesamtsystems entscheidend
Entscheidend sei daher nicht der isolierte Ausbau einzelner Bereiche, sondern die konsistente Planung des Gesamtsystems. „Wir können kein Transportnetz wie das Wasserstoff-Kernnetz planen und ausbauen, ohne Verteilnetze, Nachfrage und Anschlussfähigkeit von Anfang an mitzudenken“, unterstrich der RBV-Präsident. Ohne diese Einbettung drohen ihm zufolge Fehlinvestitionen, Unterauslastung und neue strukturelle Ungleichgewichte. „Das hat gravierenden Folgen für Planungssicherheit und Umsetzung im Leitungsbau“, betont Donath.
HDB-Hauptgeschäftsführer Tim-Oliver Müller warf einen kritischen Blick auf das baupolitische Geschehen des vergangenen Jahres: „Es war ein extremes Übergangsjahr mit hohen Erwartungen an die neue Bundesregierung“, sagte er. Es gebe ambitionierte Programme, aber nur „eine stockende Umsetzung“. Die Ursachen dafür sieht Müller weniger in fehlenden Finanzmitteln als vielmehr in strukturellen Defiziten des politischen und administrativen Systems.
Tim-Oliver Müller: Sondervermögen ersetzt lediglich reguläre Haushaltsmittel
Besonders kritisch bewertete er das Sondervermögen für Infrastruktur. „Es hat kurzfristig stabilisiert, leidet jedoch an fehlender Zusätzlichkeit und ersetzt vielfach reguläre Haushaltsmittel“, kritisierte der HDB-Hauptgeschäftsführer. Statt Planungssicherheit herrschen Risiken vor. Haushaltsrechtliche Restriktionen, Ressortkonflikte und fehlende Steuerung führen nach Tim-Oliver Müllers Ansichten dazu, dass Investitionen nicht verlässlich in konkrete Projekte umgesetzt werden. Mit dem Auslaufen des Sondervermögens drohe zudem ein strukturelles Finanzierungsloch, da eine tragfähige Anschlussstrategie bislang nicht erkennbar ist. Müller fordert für das Jahr 2026 einen realistischeren Kurs: „Umsetzung schlägt Erwartung!“
Während der Stromsektor Fortschritte macht, kommt die Wärmewende kaum voran. Im Gebäudebestand werden nach wie vor überwiegend fossile Energieträger eingesetzt. Die bisherige Strategie lässt zu wenig Spielraum für unterschiedliche Technologien.
Wärme muss infrastrukturell neu organisiert werden
„Der Erfolg der Energiewende im Gebäudebestand entscheidet sich an der Fähigkeit, Wärme infrastrukturell neu zu organisieren.“ Dies war eine der Thesen im Vortrag von Dr. Kai Roger Lobo, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU). Da der Wärmemarkt maßgeblich von lokalen Gegebenheiten geprägt ist, lehnt Lobo nationale Standardlösungen ab: „Mit Einzeltechnologien werden wir die Herausforderung nicht bewältigen“, konstatiert Lobo. Selbst bei stark steigenden Absatzzahlen von Wärmepumpen werde die vollständige Umstellung des Gebäudebestands mehrere Jahrzehnte dauern, mutmaßt er.
Lobo rückt deshalb Wärmenetze ins Zentrum seiner Erwägungen: Fern- und Nahwärme können erneuerbare Wärmequellen, Abwärme und Großwärmepumpen effizient bündeln und zugleich Versorgungsrisiken reduzieren. „Die kommunale Wärmeplanung ist ein wichtiges Steuerungsinstrument“, sagte er: „Sie soll Investitionen lenken, Fehlentwicklungen vermeiden und bei langfristigen Infrastrukturentscheidungen Orientierung geben.“
Technologieoffenheit ist eine wesentliche Voraussetzung
Auch abseits der großen energie- und baupolitischen Themen verdeutlichte die Tagung, wie stark sich die Rahmenbedingungen für die Branche verändern. Leitungsgebundene kritische Infrastrukturen müssen immer strengere Sicherheitsanforderungen erfüllen. Ihr Schutz rückt stärker in den öffentlichen Fokus, unter anderem wegen geopolitischer Spannungen und damit einhergehender hybrider militärischer Bedrohungen.
„Das ‚Abenteuer Leitungsbau‘ steht für Aufbruch, Mut und den festen Willen, die Zukunft der unterirdischen Infrastruktur aktiv zu gestalten“, verdeutlichte Donath. Nur wenn alle Beteiligten partnerschaftlich zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen, könne man erfolgreich sein. „Die Bundesregierung muss in der Energiepolitik endlich in die Gänge kommen“, so sein Appell: „Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, integrierte Planungen, realistische Umsetzungsziele und tragfähige Finanzierungsmodelle. Wenn die Politik liefert, können auch wir als Branche liefern. Der Leitungsbau steht bereit, um alle Versorgungsnetze zukunftssicher aufzustellen.“
Foto: rbv
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