. Jasch Zacharias

Der Winter ist in Berlin so mild wie noch nie: Vor dem Kanzleramt kann gearbeitet werden. (Foto: Jasch Zacharias)

Klimawandel beschert Bauwirtschaft Ganz-Jahressaison

Der Winter fällt in weiten Teilen Deutschlands aus, aber nicht alle Betriebe können davon profitieren

DBU/Berlin – Beileibe nicht jeder jammert über den Klimawandel in Deutschland. Für einige Baubetriebe jedenfalls sind die milden Temperaturen in diesem Winter ein Segen. Auf den Straßen, Gleisen und Brücken kann durchgearbeitet werden. Auch der Tiefbau braucht sich nicht über durchgefrorene Böden beklagen. Und beim Hochbau müssen Gerüste nicht wegen Schnee und Eis gesperrt werden. Bauunternehmer brauchen in diesem Fall kein Schlechtwettergeld zu zahlen, zahlreiche Aufträge können darüber hinaus deutlich schneller erledigt werden als geplant.
Für Fachkräfte auf Baustellen ist es in mehrfacher Hinsicht gut, wenn der Winter ausfällt. Sie werden nicht freigestellt, der lästige Weg zur Arbeitsagentur entfällt. Auch bleibt mehr vom Lohn übrig, denn die Heizkosten zu Hause steigen nicht so exorbitant wie bei klirrender Kälte.
Nur leider fehlt bei Teilen der Bauindustrie noch der wahre Glaube an einen dauerhaften Klimawandel. Zumindest im Winter. Denn sonst könnte man die milden Temperaturen langfristig einplanen. Macht man aber nicht. Noch nicht. Kalkuliert wird bei vielen Unternehmen stattdessen so wie eh und je – mit dem Neun-Monate-Betrieb.
Folge ist, dass im Winter anno 2020 bei vielen Betrieben die guten Auftragszahlen und Umsätze nicht noch höher steigen. Das Bauvolumen bleibe erstmal dasselbe, es verteile sich nur anders, heißt es auf Nachfrage bei einigen Großkonzernen der Bauindustrie.
Festangestellte Fachkräfte dieser Konzerne genießen nun eben das „Winterwetter“ in ihrem Urlaub oder werden zur Weiterbildung geschickt. Es dauert wohl noch einige Jahre, bis die ganze Branche aus veränderten klimatischen Bedingungen Kapital schlagen kann. Erst wenn man über Jahre hinweg stabile Voraussagen über einen „milden Winter“ treffen könnte, würden auch die Großunternehmen umplanen heißt es – ein struktureller Vorteil für mittelständische Betriebe. Wermutstropfen: Bei milden Temperaturen steigt in Mitteleuropa das Risiko von Sturm-, Niederschlags- und Hochwasserschäden. Und das kann für den Bau viel teurer werden als Frost.

. Jasch Zacharias

Erschienen in Ausgabe: Maerz 2020 | Seite01

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