. Tizian Meieranz-Nemeth

In Bayern müssen tausende von Kilometern Wasser- und Abwasserleitungen saniert werden. (Foto: LFU bayern)

Viele Kanal-Leitungen in Bayern sind marode

Initiative „Schau auf die Rohre“ wirbt für die Erneuerung der Trink- und Abwassernetze

DBU/Berlin – Aus dem Wasserhahn kommt frisches Trinkwasser. Mit der Toilettenspülung schicken wir das Abwasser auf seinen Weg. Für diese alltäglichen Vorgänge steht im Untergrund eine weitreichende Infrastruktur zur Verfügung, die in die Jahre gekommen ist. Was bislang jenseits der Wahrnehmung der Öffentlichkeit passiert, holt der Freistaat Bayern nun mit seiner Initiative „Schau auf die Rohre“ ins Blickfeld. Hintergrund der Kampagne: Zehn bis 15 Prozent aller Abwasserkanäle und Trinkwasserleitungen in Bayern müssen in den kommenden Jahren saniert oder erneuert werden. Positivbeispiele aus ganz Bayern sollen zeigen, wie aus alten Rohren neue werden. Mit dem Konzept der Transparenz und Teilhabe wirbt der Freistaat Bayern gleichzeitig um Akzeptanz für die finanziellen Belastungen, die auf Privatpersonen und Unternehmen in den nächsten Jahren zukommen könnten.

Rund 215.000 Kilometer öffentliche Kanal- und Trinkwassernetze wurden in den vergangenen Jahrzehnten unter Bayerns Städten und Gemeinden verlegt. Diese Länge entspricht etwa dem fünffachen Erdumfang. Leitungen auf Privatgrund, die nochmals etwa zwei bis drei Mal so lang sind, sind da noch gar nicht mitgerechnet. „Die Leitungsnetze der Wasserver- und Abwasserentsorgung sind oftmals der größte Vermögenswert einer Gemeinde. Ihre Instandhaltung ist enorm wichtig, damit diese wertvolle kommunale Infrastruktur für die Bürgerinnen und Bürger auch in Zukunft zur Verfügung steht und bezahlbar bleibt,“ sagt Claus Kumutat, Präsident des Bayerischen Landesamtes für Umwelt. Über 15.000 Fachkräfte kümmern sich in Bayern um die Wasserversorgung und die Ableitung sowie Behandlung der Abwässer.

Leitungen müssen nach 50 bis 80 Jahren erneuert werden
Wert und Zustand, genauso wie der Pflegeaufwand der Leitungssysteme sind kaum in der öffentlichen Wahrnehmung präsent. Ein Schlagloch in der Straße oder bröckelnder Putz an der Schulfassade werden vom Bürgerauge sofort kritisch wahrgenommen. Die Leitungen im Untergrund und besonders deren Zustand sind für die Bürgerinnen und Bürger dagegen nicht unmittelbar sichtbar. Erst wenn es zu Schäden an den Rohrleitungen kommt und ganze Ortsteile auf einmal ohne Wasser dastehen, fällt auf, was da im Untergrund an Infrastruktur arbeitet oder eben nicht arbeitet.

Wie bei einem Straßenbelag oder einem Auto ist auch die Lebensdauer von Leitungen begrenzt. Rohre haben ein „Ablaufdatum“ und müssen regelmäßig untersucht und in der Regel spätestens nach 50 bis 80 Jahren – je nach Material und Betriebsbedingungen – erneuert werden. Geschieht das nicht, droht eine Häufung von Schäden und entsprechend steigen die Kosten. Untersuchungen zufolge müssen 10 bis 15 Prozent der kommunalen Trinkwasser- und Abwassernetze in den kommenden Jahren saniert werden. Auf Nachfrage beim Landesamt für Umwelt (LfU) kommen jedes Jahr ein bis zwei Prozent an sanierungsbedürftigen Leitungen hinzu. Zusätzlich komme noch ein Sanierungsbedarf im Bereich der privaten Abwasserleitungen dazu – denn ein neuer öffentlicher Kanal nutzt wenig, wenn die damit verbundenen Grundstücksentwässerungsanlagen undicht sind. Diese Mamut-Aufgabe sollen kommunale und privatwirtschaftliche Unternehmen in den nächsten Jahren meistern.

„Netze dicht halten – das kostet richtig viel Geld“
„Als Bayerischer Gemeindetag begrüßen wir die Aktion „Schau auf die Rohre“. Schon der Claim sagt aus, dass da alle Kräfte der Gesellschaft gemeinsam aufgefordert sind, auf ein zentrales Element unserer Infrastruktur aufzupassen. Dazu bedarf es vor allem der Anstrengung der Wasserversorger und Abwasserentsorger, sich der zunehmend in die Jahre kommenden Ortsnetze anzunehmen. Dazu bedarf es aber auch eines Bürgers, der vor Augen hat, wie wichtig es ist, die Ortsnetze dicht zu halten und sie für die nächste Generation zukunftsweisend zu dimensionieren. Das kostet richtig viel Geld – und nur ein Bürger, dem anschaulich gemacht werden kann, wie wichtig diese Themen sind, wird bereit sein, diese Maßnahmen über Beiträge und Gebühren auch zu bezahlen,“ sagt Franz Dirnberger, Geschäftsführer des Bayerischen Gemeindetags. Was „richtig viel Geld“ bedeutet, geht aus den Schätzungen des Landesamtes für Umwelt (LfU) hervor: Für die Reparatur, Renovierung oder Erneuerung der beschädigten Kanäle werden in den nächsten Jahren finanzielle Aufwendungen in der Größenordnung von 5 bis 6 Milliarden Euro im Freistaat erwartet (über den deutschlandweiten Bedarf berichtete Der BauUnternehmer in der Ausgabe Juni 2019).

Die Kosten für die Erneuerung und Instandhaltung der Leitungsnetze werden von den Städten und Gemeinden über Gebühren und Beiträge auf die Haushalte und Unternehmen umgelegt. Deshalb wirbt der Freistaat mit der Initiative auch um das Verständnis beim einzelnen Bürger, der diese Investitionen tragen wird. Damit es gerade in ländlichen Räumen nicht zu einem finanziellen Kollaps kommt, stellt der Freistaat eine Härtefallförderung mit einem Gesamtfördervolumen von 70 Millionen Euro pro Jahr bereit. Die Verantwortlichen wollen mit der Informationskampagne „Schau auf die Rohre“ die bayerische Bevölkerung mittels Broschüren, Videos, Internetseiten und zahlreichen Veranstaltungen für die Aufgaben rund um den Erhalt des bayerischen Leitungsnetzes sensibilisieren.

Werben mit einem Blick in den Abwasserkanal
Nach dem Motto „Wussten Sie, dass…“ erfahren Interessierte beispielsweise, dass Roboter im Kanalnetz unterwegs sind, um die Abwasserleitungen auf Schäden zu prüfen oder kleine Reparaturarbeiten durchzuführen. Oder, dass Wasserleitungen „abgehört“ werden, um Lecks zu finden. In Veranstaltungen stellen die kommunalen Betriebe unterschiedliche Verfahren wie die „grabenlose“ Sanierung oder die Erneuerung des Rohres vor, zeigen wie beim „Inliner-Verfahren“ im Abwasserbereich ein harzgetränkter Schlauch in den alten Kanal eingezogen und mittels Druck am alten Rohr fixiert wird und so ein neues „Rohr im Rohr“ entsteht.tm

. Tizian Meieranz-Nemeth

Erschienen in Ausgabe: Seite 24| Oktober 2019

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