von Gastautor

"Erdgas bleibt als Brückenenergie für Bauindustrie alternativlos"

Dr. Matthias Frederichs, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Ziegelindustrie, gibt für die Bauwirtschaft einen Ausblick auf 2022

"Auf die Ziegelindustrie als Konjunkturmotor ist Verlass – das hat das Jahr 2021 gezeigt. Weniger zuverlässig erwiesen sich die weltweiten Lieferketten. Ein insgesamt sehr volatiler Baustoffmarkt und vielfältige Lieferengpässe waren die Folge. Dank der regionalen Wertschöpfungsketten konnte die Ziegelindustrie ihren Aufträgen planmäßig nachkommen. Zum Ende des Jahres jedoch reduzierten sich die Bestände von Dach-, später auch Mauerziegeln. Ein Grund dafür ist die anhaltend hohe Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum. Denn fast jedes dritte Wohngebäude wird aus Ziegeln gebaut.

 

Im Wohnungsbau und im Klimaschutz sind entscheidende politische Weichen gestellt. Die neue Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag das Ziel gesetzt, eine klimagerechte Neubauoffensive anzustoßen. Das ist richtig, denn nach wie vor fehlt es an bezahlbaren Wohnungen. Bauen wird deshalb als Teil der Lösung angesehen – dass bezeugt die Ankündigung, jährlich 400.000 Wohnungen bauen zu wollen. Dieses ambitionierte Ziel lässt sich mit einer einseitigen Bau- und Baustoffpolitik jedoch nicht erreichen. Allein die jüngeren Versorgungsengpässe und Preisschwankungen zeigen: Wer nur auf eine Karte setzt, hat schon verloren. Für uns ist klar, Technologieoffenheit ist der Schlüssel einer funktionierenden Bauwende.

 

Die deutsche Ziegelindustrie arbeitet kontinuierlich an der Reduzierung fertigungsbedingter CO2-Emissionen. Mit der Roadmap zur Treibhausgasneutralität liegen Strategien und Lösungen für eine klimaneutrale Ziegelproduktion vor. Die Umsetzung bedeutet eine gewaltige Transformationsleistung für unsere gesamte Branche. Gelingen kann dies nur, wenn Wirtschaft und Politik an einem Strang ziehen. Erste Ansätze im Koalitionsvertrag, wie Superabschreibungen für Investitionen in den Klimaschutz, Carbon Contracts for Difference und schnellere Genehmigungsverfahren wirken vielversprechend. Darüber hinaus braucht die Ziegelindustrie jedoch Versorgungsicherheit. Nahezu wöchentlich neue Rekorde bei Strom- und Gaspreisen hemmen Planung und Investitionen in energieeffizientere, nachhaltigere und wettbewerbsfähigere Herstellungsverfahren. Dass die neue Bundesregierung noch stärker auf grüne Energieträger setzt, ist richtig. Doch bis ausreichend bezahlbarer grüner Strom und Wasserstoff zur Verfügung stehen, bleibt der Energieträger Erdgas zum jetzigen Zeitpunkt für den Industriestandort Deutschland alternativlos und muss bei Entscheidungsprozessen als Übergangstechnologie berücksichtigt werden.

 

Neben den Produktions- und Bauthemen wird das Thema Ressourcenschonung 2022 einen Schwerpunkt in unserer Branche bilden. Schließlich sind die Potenziale beim Ziegel-Recycling bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Zwar sind Ziegel kreislauffähig und bereits in verschiedene Stoffkreisläufe eingebunden. Zudem kommen recycelte Ziegel als Rohstoffersatz in der Ziegelherstellung, als Gesteinskörnung im Wege- und Sportplatzbau, als Substrat im Vegetationsbau sowie als Bestandteil von Recycling-Beton zum Einsatz. Allerdings handelt es sich in der Regel um einzelne, aufwendige Prozesse. Eine flächendeckend funktionierende Kreislaufwirtschaft, die für das Erreichen der ambitionierten Klimaziele essenziell wird, ist derzeit noch mehr Wunsch als Wirklichkeit. Unser Ziel ist es, nachhaltige und wettbewerbsfähige Kreislaufstrukturen aufzubauen. Dazu werden wir den Dialog mit allen interessierten Partnern intensivieren."

 

Bild:

Dr. Matthias Frederichs, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Ziegelindustrie, fordert angemessene Rahmenbedingungen für die klimagerechte Wohnbauoffensive und die klimaneutrale Transformation der Branche. (Foto: BVZi / Christoph Große)

von Gastautor

Erschienen in Ausgabe: online

Zurück