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Capa-Haus wird Palmengarten Palais

Stuckverzierte Fassaden und Decken, imposante Raumhöhen, Türen und Böden der Gründerzeit sowie luxuriöse Ausstattungen

Löningen/Leipzig – Gäbe es einen Zeitreisenden, der 1910 und 2016 in Leipzig bei den Stadthäusern Jahnallee 61 und angrenzend Luppenstraße 26/28 vorbeischauen würde, gäbe es für ihn wenig Neues zu sehen. Die Häuser der Gründerzeit zeigen wie vor über 100 Jahren ihre schönen Straßenfassaden, deren Ornamente Stilelemente der Renaissance und des Barock zum Ausdruck bringen. Scheinbar hat sich nichts verändert. Welch eine großartige Leistung der Baudenkmalpflege, eines mutigen Investoren und der Handwerker. All das wird gewürdigt durch die Verleihung des natio­nalen Bernhard-Remmers-Preises auf der „denkmal 2016“ in Leipzig. Grund: Dieses Gebäudeensemble war Schauplatz dramatischer Ereignisse. Es spiegelt ein Stück deutscher Geschichte mit den Kapiteln Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg wider.

18. April 1945: Haus für Haus arbeiteten sich die GIs in die Innenstadt vor. Auf einem Balkon des Hauses in der Jahnallee 61 gehen zwei Soldaten der 2. US-Infanterie­division mit einem Maschinengewehr in Stellung. Kriegsfotograf Robert Capa begleitet die Einheit und ist dabei, als der 21-jährige Corporal Raymond J. Bowman, von einem deutschen Scharfschützen durch einen Kopfschuss getroffen wurde. Capa: „Ich stand knapp zwei Meter von ihm entfernt, fokussierte die Kamera auf sein Gesicht und drückte auf den Auslöser. Es war das letzte Bild, das den jungen Soldaten als Lebenden zeigt.“

„Der letzte Tote des Krieges“, unter diesem Titel erschien das Foto von Capa im US-Nachrichtenmagazin „LIFE“. Das machte ihn weltberühmt.

Rund 50 Jahre später folgten weitere Episoden in der wechselvollen Geschichte dieses Hauses, die mit Glanz und Gloria begann und in den 1990er Jahren katastrophal zu enden drohte. Der Gebäudekomplex stand leer und verfiel. Intensive Bemühungen der Stadt um seine Erhaltung blieben lange erfolglos. In der Neujahrsnacht 2012 brannte der Dachstuhl der Luppenstraße 28 aus, hinzu kamen Sturmschäden im Dachflächenbereich. So konnte jahrelang Regenwasser eindringen. Die Stadt Leipzig genehmigte den Abriss des baufällig gewordenen Gebäudekomplexes.

2012: Jetzt sollten also die Abrissbagger kommen? Die Leipziger entfachten einen Proteststurm und der brachte die LS Immobliengruppe auf den Plan. LS-Geschäftsführer Horst Langner betrat 2012 zum ersten Mal das Haus und wurde mit den Bildern des Verfalls konfrontiert. Er sah aber auch stuckverzierte Fassaden und Decken, imposante Raumhöhen, originalgetreue Türen und Böden der Gründerzeit, edle Kombinationen aus schwarzen und weißem Marmor, stilvolle Türeinfassungen und Geländer aus Holz im Jugendstil. All das hatte nichts von seiner Wirkung verloren, obwohl die Zerstörung weit fortgeschritten war.

Langner war Profi genug, um zu wissen, welch immenser Aufwand für Renovierung und Restaurierung erforderlich sein würde, diesen Bestand in einen zeitgemäßen Wohnraum zu verwandeln. Aber sein Entschluss stand bereits fest.
So wurde die im bayerischen Mühldorf ansässige LS Immobiliengruppe zum Retter in der Not. Horst Langner: „Wir wissen um die Einzigartigkeit dieses Gebäudeensembles und möchten ihm Ausdruck von Tradition und glanzvoller Vergangenheit wieder zurück geben, der den Historismus der Gründerzeit widerspiegelt.“

Energetische Sanierung und Restaurierung
2014: Start der Bauarbeiten mit dem Ziel der denkmalgerechten Rekonstruktion des Hauses in der Jahnallee 61 und der beiden ebenfalls völlig ruinierten Nachbargebäude in der Luppenstraße. Alles sollte wieder so werden, wie es Architekt Otto Gerstenberger 1910 errichten ließ. Damit die Standsicherheit der Gebäude gewährleistet ist, wurde unter allen drei Gebäuden eine Stahlbetonplatte von bis zu 42 Zentimeter eingebracht. Die Bauwerksabdichtung im erdberührten Bereich erfolgte mit Remmers Profi-Baudicht 2K. Mit der Ausarbeitung des Konzepts für die energetische Sanierung beauftragte Investor Langner das Energieberatungsbüro Preiß. Die Zielmarke: Effizienzhausstandard bei Wahrung der Belange des Denkmalschutzes. Die Experten machten sich an die Arbeit und errechneten die Komponenten für die Erreichung des Effizienzhausstandards. Die Berechnungen wurden auf Grundlage der Energieeinsparverordnung (EnEV) 2009 durchgeführt.

Die Rahmendaten: Denkmalgeschütztes Wohn- und Geschäftshaus, Baujahr um 1900, unterkellert, ausgebautes Dach und vier Geschosse. Bezugsfläche nach EnEV: 1394,70 Quadratmeter.
Die IST-Analyse der Außenwände ergab einen U-Wert von 0,97 W/m2 K – der Sollwert eines Effizienzhauses 100 gestattet aber nur einen U-Wert von 0,24 W/m2 K.
Das war die Zielmarke, und um sie zu übertreffen, entwickelten die Planer folgendes Konzept:
• Innendämmung mit iQ-Therm 30 aller denkmalgeschützten Außenwände
• Konventionelle Dämmung mit PU-, EPS- und Karbonatplatten für die Gebäude­rückseiten, Decken, Loggien und Terrassen, ergänzt durch eine dachseitige Zwischensparren- und Zwischenbalkendämmung. Nach Umsetzung aller Maßnahmen, Einbau neuer Fenster sowie Optimierung der Anlagentechnik, ergibt sich ein Endenergiebedarf für das Gebäudeensemble von etwa 106.000 Kilowattstunden pro Jahr.
Der Transmissionswärmeverlust H‘T des Gebäudes liegt bei 0,502 W/m² K; der Primärenergiebedarf Qp bei 47,996 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Mit diesen Werten sind die Anforderungen an ein KfW- Effizienzhaus100 nach EnEV 2009 weit übertroffen. Vorteil für die Investoren: ein Tilgungszuschuss auf ihre Darlehenssumme aufgrund der erfolgreich durchgeführten energetischen Sanierung nach dem KfW-Programm Nr. 151.
Auch für den Innenausbau wurden Remmers-Produkte eingesetzt, des weiteren erfolgte die Fensterbeschichtung mit Induline Premium-Coatings (4-Schicht-Aufbau) und der Fassadenanstrich mit Remmers Silikonharzfarbe LA.
So wurde aus dem Gebäude­ensemble wieder das Palmengarten Palais. Es entstanden 41 Wohneinheiten mit überzeugenden Grundrisskonzepten und drei Gewerbeeinheiten. Hochwertig modernisiert mit neuen Eichenparkettböden, stilvollen Holzfenstern, Bädern, Haustechnik, Videoporter sowie Aufzugsanlage, etc. Die his­torischen Stuckdecken und Deckenmalereien im Treppenhaus wurden rekonstruiert. Statt der geplanten 9,5 Mio. Euro inves­tierte LS allerdings 10,5 Mio. Euro, unter anderem deshalb, weil die Fundamente mit fast einem halben Meter Stahlbeton verstärkt werden mussten.

2016: Das Palmengarten Palais dominiert wie einst das gesamte Straßenbild. Das historische Treppenhaus, mit seiner herrschaftlichen Holztreppe lädt Besucher zu einer Reise in die Vergangenheit ein. Die Mieter sind inzwischen eingezogen und im Erdgeschoss hat das Café Eigler eröffnet.
17. April 2016: Es scheint, als hätten die Leipziger nur auf die Renaissance des Palmengarten-Palais gewartet, um an diesem Schauplatz der Geschichte der historischen Ereignisse im Zweiten Weltkrieg gedenken zu können. So wurde ein Abschnitt der Lützner Straße umbenannt in „Bowman­straße“. Das Straßenschild wurde an diesem Tag in einem kleinen Festakt enthüllt und erinnert nun für alle Zeiten an den US-Soldaten Raymond J. Bowman, der hier vor 71 Jahren am 18. April 1945 erschossen wurde. Zur Einweihung kamen nicht nur viele Leipziger ­– auch zwei Zeitzeugen – darunter der hoch betagte US-Amerikaner Lehmann Riggs, der 1945 in unmittelbarer Nähe den Tod seines Kameraden erlebte, wagte noch einmal den Flug über den Atlantik. Am Haus an der Jahnallee 61 erinnert nun eine Gedenktafel an die damaligen Ereignisse. Historisch Interessierte kehren ein im Café Eigler und besuchen dort die Dauerausstellung „War is over – Robert Capa in Leipzig“. Die Sammlung zeigt das Kriegsgeschehen nur dieses einen Tages 18. April 1945 in Leipzig. Es sind Fotografien der Kämpfe in der Umgebung des Neuen Rathauses und am Elsterflutbecken. Auch das Foto „The Last Man to Die“ ist unter den Exponaten.
Historisches Nutzungskonzept wurde reanimiert
In die drei Läden neben dem Café zog die Hausverwaltung, ein Planungsbüro und die Leipziger Denkmalstiftung ein, bei der Langner im Kuratorium ist.

Das Fazit zieht Horst Langner, Geschäftsführer der LS Immobilien­gruppe: „Es ist vollbracht. Nach einer 22-monatigen Bauzeit konnten wir unsere Zielsetzungen vollständig realisieren. Somit konnte ein geschichtsträchtiges Baudenkmal wieder zum Leben erweckt und den Bürgern der Stadt Leipzigs zur Verfügung gestellt werden. Heute ist das Palmengarten Palais voll bewohnt und ein Besuchermagnet. Die vielen positiven Reaktionen zum Erhalt des Objektes und die mit viel Liebe zum Detail gelungene Sanierung haben uns gezeigt das sich die Mühen gelohnt haben.“

Remmers GmbH auf der Bau 2017 in München (16. bis 21. Januar 2017): Halle B 6, Stand 440.

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Erschienen in Ausgabe: November 2016 | Seite 29

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