. Tizian Meieranz-Nemeth

Tomas Zelic hat als Chief Operating Officer beim Z-Lab die Zügel in der Hand und lebt eine offene Führungskultur, die den Mitarbeitern Mut machen soll, Ideen zu entwickeln. (Foto: Z-Lab)

Brutkasten für digitale Lösungen

Interview mit Tomas Zelic, COO der Zeppelin Lab GmbH (Z-Lab)

Berlin – Im Interview erzählt Tomas Zelic, Chief Operating Officer beim Z-Lab, wie er als ehemaliger Forstwirt die ersten Schritte in der Baubranche als Mitarbeiter bei Zeppelin Rental gegangen ist, wie er die Branche mittlerweile digital gestaltet und was es dazu alles braucht. Seinem Gesprächspartner Tizian Meieranz-Nemeth erklärt er, wie Ideen im Z-Lab entstehen und warum sich eine ganze Branche bei der Digitalisierung häufig noch schwertut.

Z-Lab – das klingt beinahe wie eine Geheimorganisation. Was ist das Z-Lab und was machen sie dort?
Tomas Zelic: Wir sind ein Inkubator. Bei Zeppelin haben wir eine dreiteilige Aufgabe: Da gibt es den Mutterkonzern. In der Konzernzentrale in Garching, bei Z-Digit, digitalisieren wir intern das Unternehmen. Das Z-Lab in Berlin hat dagegen eine rein externe Ausrichtung. Wir arbeiten wie ein Start-up, sind agil, definieren die Grenzen neu und versuchen uns an den Dingen, bei denen andere sagen, sie würden nicht gehen. Unsere oberste Prämisse ist der individuelle Nutzen für den Anwender. Bei der Entwicklung unserer digitalen Lösungen sehen wir in jedem Fall den Nutzer im Mittelpunkt. Gleichzeitig sind wir ein offener Innovationshub. Das heißt, wir veranstalten Meetups, pflegen den Austausch mit Kunden und bilden Arbeitsgruppen. Für die Baubranche ist das, was wir machen, nach wie vor ein Novum.

Wie kam es zu der Idee von klickrent?
Im Jahr 2014 haben wir in den strategischen Einheiten im Konzern die Aufgabe bekommen, für uns die Frage zu beantworten, wie der ultimative Wettbewerber aussehen könnte. In Workshops haben wir uns auf die Suche gemacht. Für uns war klar: Der ultimative Wettbewerber aus Sicht von Zeppelin Rental ist das Unternehmen, das sich zwischen Hersteller und Vermieter setzt. Ähnlich wie AirBnb, Opodo oder Flüge.de keine Niederlassungen, keine eigenen Produkte haben, sondern reine Plattformen für den Kontakt zwischen Anbieter und Kunden bereitstellen. Zum damaligen Zeitpunkt haben wir erkannt, dass das ein Game-Changer in der Bauindustrie sein könnte. Denn zum damaligen Zeitpunkt gab es das noch nicht.

Wie sieht die Zukunft des Z-Lab aus?
Aktuell bauen wir eigene Ventures. In naher Zukunft – und zwar schon 2020 – wollen wir mit unserem Space-Lab einen weiteren Weg beschreiten und auch in andere Start-ups investieren. Wir haben in den letzten Jahren viele Erfahrungen gesammelt und wollen das, was wir besonders gut machen und worin wir besonders erfolgreich sind, auch mit anderen teilen. Die Start-ups, denen wir hier bei uns künftig Raum und Unterstützung geben wollen, sollten im B2B-Bereich der Baubranche beheimatet sein.

Wie ist das Z-Lab entstanden?
Die Geschichte des Z-Lab begann mit der Entwicklung von klickrent. Damals noch aus dem Fokus von Zeppelin Rental heraus, haben wir das Modell direkt mit der Option entwickelt, weitere digitale neue Geschäftsmodelle zu verwirklichen. Durch unsere zahlreichen Kontakte zu Mitarbeitern, sowie im Austausch mit Kunden, entstehen immer wieder neue Ideen – und diese sind kostbar. Schon damals haben wir gesagt: Damit müssen wir etwas machen. Das war die Ursprungsidee, das ist der Kern vom Z-Lab. Wir sammeln Ideen und prüfen, ob sie Realität werden können, ob sie dem Kunden helfen. Im besten Fall entwickeln wir sie zu einem Produkt weiter.

Wie entstehen Ideen? Können Sie diesen scheinbar magischen Moment beschreiben?
Wir investieren einen wichtigen Teil unserer Zeit, um unseren Kunden über die Schulter zu schauen. Das heißt, wir gehen wirklich raus auf die Baustelle, und zwar möglichst nicht nur einen halben Tag, sondern gleich mehrere Tage am Stück. Dadurch sehen wir, wie Menschen auf den Baustellen Tag für Tag ihren Job machen und an welchen Stellen es oftmals klemmt. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Entwicklung unserer aktuellen Lösung akii. Die fußt auf der Beobachtung unserer Mitarbeiter bezüglich der Baucontainer auf Baustellen. Denn damals wie heute passiert es oft, dass der Polier oder der Bauleiter zum Baucontainer geht, der aber verschlossen ist. Das Problem: Der Schlüssel ist weg, und es gibt nur den einen Schlüssel, den ein Mitarbeiter hat, der damit unterwegs ist. Zum Schluss bleibt oft nur noch die Lösung, den Baucontainer aufzubrechen.
Und genau das haben unsere Mitarbeiter häufig vor Ort gesehen. Im Z-Lab hat sich ein kleines Team mit wissenschaftlicher Akribie daran gemacht, herauszufinden, wie groß der „Schmerz auf der Baustelle“ tatsächlich ist. Sie haben recherchiert, viele Interviews geführt und gefragt, wie oft kommt das eigentlich vor? Das Ergebnis der Befragung war, dass der besagte Fall doch sehr oft vorkommt.
Natürlich kann man über solch scheinbare Nebensächlichkeiten auch schnell hinweggehen. Aber wir haben es damals als ein Problem ernst genommen, das sogar die Produktivität und Effizienz des Prozesses negativ beeinflussen kann. Daraufhin haben wir uns die Frage gestellt, ob wir mit einer digitalen Lösung das Problem beheben können. Darauf ist akii die Antwort. Dabei handelt es sich um ein digitales Tool, bei dem Anwender mittels einer App und ohne physischen Schlüssel Container aufschließen und abschließen können. Bei der Entwicklung unserer digitalen Lösungen fragen wir uns auch regelmäßig, warum viele digitale Lösungen nicht Verwendung auf der Baustelle finden.

Und zu welcher Erkenntnis sind Sie gekommen?
Es geht immer um den tatsächlichen Schmerz. Unser Knowhow bei der Entwicklung digitaler Lösungen haben wir im Laufe der Zeit immer gesammelt und verfeinert. Wir wollen das jeweilige Problem genau verstehen, nicht nur an der Oberfläche bleiben. Wir wollen wissen: Ist das der tatsächliche Bedarf, auf den sich unsere Lösung bezieht? Dafür sprechen wir viel mit unseren Kunden und verbessern nach und nach unsere Produkte. Bei klickcheck, unserer Lösung für die Schadensdokumentation, haben unsere UX-Designer beispielsweise mit einem Kunden, der digitalen Innovationen eher skeptisch gegenüber stand, gesprochen. Seine Meinung: „Digitalisierung – das braucht kein Mensch“ Dann haben sie ihn nach seinen Enkelkindern gefragt, und er hat ihnen stolz Fotos in der entsprechenden App gezeigt und erzählt, dass er immer per WhatsApp und per Skype mit seinen Enkeln in Kontakt steht. Für die UX-Designer war nach diesem Gespräch klar, dass eine App nur dann erfolgreich eingesetzt wird, wenn sie nicht groß erklärt werden muss, sie schnell einsetzbar ist und für den Anwender einen echten Nutzen bringt, den er selbst schnell erkennt.

Wieso geht es in der Branche beim Thema Digitalisierung nicht so recht vorwärts?
Da gibt es meiner Meinung nach drei Stolpersteine. Der erste ist die starke Fragmentierung unserer Branche. Jeder pflegt sein eigenes Ökosystem, jeder digitalisiert, aber kaum ein System ist kompatibel. In Skandinavien ist die Baubranche beim Thema Digitalisierung schon viel weiter, weil sie viel konsolidierter ist. Zudem glaube ich, dass wir bei der Digitalisierung häufig scheitern, weil jeder etwas anderes darunter versteht. Das führt auch zu einem, wie ich es nenne, unterschiedlichen Erwartungsmanagement. Bei kleinen und mittelständischen Unternehmen macht sich beim Thema eher das Gefühl von Überforderung breit. Der Bauunternehmer beobachtet erst eine ganze Weile und überlegt lange, ob er seine etablierten Prozesse an die Neuerungen anpasst. Die Großen hingegen wollen zu viel auf einmal. Statt vieler kleiner Lösungen, die erst zu einem großen Flickenteppich verknüpft werden müssen, wartet und sucht man nach der Eier legenden Wollmilchsau.
Der dritte Stolperstein: Jeder fordert die Öffnung und Schnittstellen, aber kaum einer bewegt sich von alleine. Warum auch? Der Branche geht es ja gut. Jeder wartet, dass der eine auf den anderen zukommt und den ersten Schritt macht. Mittlerweile öffnen viele ihre Plattformen, aber dennoch bleiben es häufig Einzellösungen. Vorwärts kommen wir bei dem Punkt überhaupt erst, wenn es nur noch eine Plattform und nicht hundert einzelne Lösungen gibt. Es wird viel über Zusammenarbeit gesprochen und es gibt auch bereits viele gute Ansätze, aber aus meiner Sicht arbeitet die Branche bisher noch zu wenig zusammen. Das ist etwas, was man in der Branche nicht gerne hört.

Was ist für Sie Digitalisierung?
Bei Digitalisierung – geht es für mich um Lösungen, die als selbstverständlich angenommen werden – nicht nur auf Entscheiderebene, sondern auch bei jedem Mitarbeiter, der sie anwenden soll. Es geht um eine große Akzeptanz in der Fläche. Es geht um Lösungen, die wie Werkzeuge verwendet werden können und Prozesse vereinfachen. Dafür brauchen wir übrigens auch ein flächendeckendes 5G-Netz, damit diese Werkzeuge dort funktionieren, wo sie eigentlich eingesetzt werden sollen – nämlich auf den Baustellen.
Es ist schon symptomatisch, dass wir in der Branche teilweise noch darüber diskutieren, ob wir Digitalisierung überhaupt zulassen. Dabei ist es kein Projekt, dass heute anfängt und im nächsten Jahr beendet ist. Es ist ein Prozess, der uns weiterhin ständig begleiten wird.

Wann wird Digitalisierung erfolgreich etabliert sein?
Wenn wir nicht mehr darüber diskutieren, dass wir eine digitale Lösung brauchen, um eine Baustelle zu gestalten – genauso wenig, wie wir über den Gebrauch von Werkzeugen und Baumaschinen diskutieren müssen – dann sind wir angekommen. So selbstverständlich wie das Werkzeug auf Baustellen, so selbstverständlich müssen digitale Hilfsmittel in all ihrer Vielfalt angenommen werden. Wenn wir diesen Grad erreicht haben, dann haben wir aus meiner Sicht den großen Durchbruch geschafft. Deshalb müssen digitale Lösungen auch den gleichen Nutzen wie jedes andere Werkzeug für den Anwender haben.

Wie sind sie von Zeppelin Rental zum Z-Lab gekommen?
Ursprünglich komme ich gar nicht aus der Branche. Ich bin gelernter Forstwirt. Bei Zeppelin Rental habe ich am „Tresen“ angefangen und das Verleihgeschäft von der Pike auf gelernt. Mittlerweile lebe ich mein drittes Leben, wie ich es gerne nenne. Kurz vor meinem 50. Geburtstag wurde ich gefragt, ob ich nach Berlin gehen würde, um dort dem schleppenden Start von klickrent einen neuen Impuls zu geben. Natürlich habe ich mich erst einmal gefragt, welche Kompetenzen ich mitbringe. Ich bin kein Digital Native – dazu habe ich ein zu frühes Baujahr. Was bringe ich also mit, um das Team zu bereichern? Ich lebe Veränderung, war bei Zeppelin immer in Bereichen unterwegs, die mit Change-Prozessen zu tun haben. Als Quereinsteiger in der Branche stelle ich zudem immer alles in Frage. Und letztendlich war es auch meine Motivation: Ich darf die Baubranche digitalisieren, werde vor Ort ein tolles Team führen. Das gab den Ausschlag für den Start in mein drittes Leben.

Vielen Dank für das Gespräch.

. Tizian Meieranz-Nemeth

Erschienen in Ausgabe: April 2020 | Seite 36

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