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700.000 Wohnungen fehlen: 50 Milliarden Euro bis 2025 gefordert

Studie ermittelt für 2023 Rekord-Wohnungsdefizit und "neuen Notstand beim Wohnen" - Massive Zuwanderung erhöht Druck - Klimaschutz verteuert Bauprojekte enorm

Ein Bündnis aus Mieterbund, Baugewerkschaft, Sozial- und Branchen-Verbänden der Bauwirtschaft hat  vor einer „neuen und in ihrer Dimension beängstigenden Sozialwohnungsnot“ in diesem Jahr gewarnt. Hintergrund ist eine Wohnungsbau-Studie, die das Verbändebündnis „Soziales Wohnen“ beim Pestel-Institut (Hannover) und beim Bauforschungsinstitut ARGE (Kiel) in Auftrag gegeben hat. Demnach fehlen auf dem Wohnungsamt 700.000 Wohnungen. Als Reaktion auf die Ergebnisse der Untersuchung fordert das Bündnis den Bund und die Länder zu einer gemeinsamen „Sozialwohnungsbau-Offensive“ auf. Der Staat müsse dringend ein Sondervermögen „Soziales Wohnen“ schaffen. Erforderlich seien hierfür in einem ersten Schritt 50 Milliarden Euro bis zum Jahr 2025.

 

Bauindustrie fordert Politik zu mehr Förderung von seriellem Bauen auf

Zur  Studie des Deutschen Mieterbundes und der Baugewerkschaft IG BAU sagte Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie: „700.000 fehlende Wohnungen belegen schwarz auf weiß, was die Bauwirtschaft in den letzten Monaten deutlich in den Auftragsbüchern sieht: Es wird zu wenig Wohnraum für die Menschen geschaffen. Das ist nicht nur dramatisch, sondern jede nicht gebaute Wohnung erhöht den Druck auf die Bürgerinnen und Bürger, die händeringend nach einem bezahlbaren Zuhause im kostengünstigen Segment suchen. Die Studie muss eine letzte Warnung an die Politik sein, endlich zu handeln und der Wohnungswirtschaft Vertrauen für neue Investitionen zu geben. Nur so können wir als Bauwirtschaft bauen. Und nur mit einem Mehr an Wohnungen lässt sich die spannungsgeladene Lage auf dem Mietmarkt lösen. Dazu brauchen wir schnellstmöglich eine verlässliche Förderkulisse und alle Signale auf Grün beim industriellen, seriellen Bauen, um die hohe Anzahl an fehlenden Wohnungen kosteneffektiv und zügig zu erreichen. Wir müssen jetzt auf die Tube drücken – 700.000 Wohnungen, das ist das Ergebnis von fast drei Baujahren. Das muss jetzt schneller gehen. “

Rekord-Wohnungsmangel

Das Pestel-Institut geht von einer erheblichen Zunahme der Bevölkerung aus: Für das vergangene Jahr ergebe die Bilanz der Zu- und Abwanderung ein Plus von rund 1,5 Millionen Menschen, die zusätzlich in Deutschland leben (Wanderungsgewinn). „Wir haben damit eine absolute Rekord-Zuwanderung – mehr als im bisherigen Rekord-Flüchtlingsjahr 2015. Die Lage spitzt sich dramatisch zu. Denn wer nach Deutschland flüchtet und bleibt, ist auf den sozialen Wohnungsmarkt angewiesen. Oder anders gesagt: Wir haben bereits jetzt einen Rekord-Wohnungsmangel: mit über 700.000 fehlenden Wohnungen das größte Wohnungsdefizit seit mehr als zwanzig Jahren. Bei den bezahlbaren Wohnungen wird das ohnehin schon massive Versorgungsloch immer größer; bei den Sozialwohnungen ist es längst ein Krater“, sagt Matthias Günther. Der Leiter des Pestel-Instituts spricht von einem „neuen Notstand beim Wohnen“.

Sozialwohnungen kosten Staat zwischen 12,6 und 14,9 Mrd.

Vor allem mit Blick auf die aktuelle Kostenentwicklung müsse der Staat jetzt reagieren, fordert das Bündnis „Soziales Wohnen“. Pestel-Institutsleiter Matthias Günther hat dazu die Berechnung gemacht: „Die notwendige staatliche Subvention für den Neubau einer durchschnittlichen Sozialwohnung von 60 Quadratmetern liegt bei 126.000 Euro, wenn nach den aktuell geltenden Energiespar-Standards gebaut wird.“ Um sein Ziel von 100.000 neuen Sozialwohnungen zu erreichen, müsse der Staat diese also mit 12,6 Milliarden Euro pro Jahr fördern. Entscheidend sei grundsätzlich, wie viel der Klimaschutz dem Staat beim Neubau wert sei. Vor allem der Bund, aber auch die Länder müssten ansonsten auch bereit sein, noch tiefer in die Tasche zu greifen: So mache der maximale Klimaschutz bei Wohngebäuden (Effizienzhaus 40) sogar eine staatliche Förderung von 14,9 Milliarden Euro pro Jahr erforderlich.

Damit kommen die Wissenschaftler vom Hannoveraner Pestel-Institut und von der ARGE in Kiel zu dem Ergebnis, dass der Staat für das vom Bündnis „Soziales Wohnen“ geforderte Sondervermögen für den noch notwendigen Neubau von 380.000 Sozialwohnungen bis 2025 – und damit für das Ampel-Ziel beim sozialen Wohnungsbau – ein Volumen von 50 Milliarden Euro bereitstellen müsste.

Bild: Es werden in Deutschland weitaus  weniger Sozialwohnungen gebaut als benötigt werden. (Foto: Pixabay)

 

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Erschienen in Ausgabe: online

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